Pressetext zum
VORTRAG von Prof. Dr. Alfred PRITZ
(Rektor der SFU-Wien; Präsident WCP; Generalsekretär EAP)
Die Zukunft der Psychotherapie in einer globalisierten Welt
unter der Schirmherrschaft von Herrn Mars Di Bartolomeo, Gesundheitsminister.
Krankheitswertige psychische Störungen betreffen bis zu einem ein Fünftel der Bevölkerung in allen Altersgruppen (Prävalenz), aber nur bis zu einem Drittel der Störungen wird adäquat medizinisch oder psychotherapeutisch behandelt. Erkannt werden sie zudem immer noch viel zu spät; die Störungen riskieren chronisch zu werden. Neben dem Leiden der Betroffenen und ihrer Angehörigen leidet aber auch die Arbeitsproduktivität in Europa darunter. Der gesundheitsökonomische Aspekt seelischer und seelisch mitbedingter Störungen oder Krankheiten wird in den letzten Jahren immer deutlicher.
Psychisch leidende Menschen sind aber im Vergleich zu nachweislich körperlich kranken Menschen vielfach benachteiligt, nicht nur durch gesellschaftliche Vorurteile, sondern ebenfalls durch nicht angemessene Behandlungen oder institutionelle Maßnahmen. Diese Benachteiligung könnte durch einen niederschwelligen Zugang aller Sozialversicherten zu qualifizierten (!) psychotherapeutischen Behandlungs-angeboten zumindest teilweise aufgehoben werden. Erst wenn eine frühzeitige Inanspruchnahme psychotherapeutischer Hilfen sichergestellt ist, ergibt sich eine realistische Aussicht, dass die beklagte gesellschaftliche Krankheitskostenlast von psychischen Störungen durch die Reduktions-potenziale der Psychotherapie positiv beeinflusst werden kann. Die Wirksamkeit moderner psychotherapeutischer Verfahren ist in den letzten zehn-zwölf Jahren in methodisch gut kontrollierten Studien – auch im Vergleich zur Behandlung mit Psychopharmaka - dokumentiert worden.
Im Einklang mit den Zielen der Weltgesundheitsorganisation sowie mit dem im Rahmen der Europäischen Union geltenden und im Europäischen Wirtschaftsraum intendierten Nicht-diskriminierungsangebot und dem Grundsatz der Freizügigkeit für Personen und Dienstleistungen wurde in der Straßburger Deklaration vom 21. Oktober 1990 festgehalten, dass die Psychotherapie eine eigenständige wissenschaftliche Disziplin ist – auf der Basis der Humanwissenschaften - , deren Ausübung einen selbstständigen und freien Beruf darstellt;
- dass die psychotherapeutische Ausbildung auf einem hohen, qualifizierten und wissenschaftlichen Niveau (theoretisch und klinisch) erfolgt;
- dass die Vielfalt der psychotherapeutischen Verfahren gewährleistet ist;
- dass eine vollständige therapeutische Ausbildung, die Theorie, die Selbsterfahrung und die Praxis unter Supervision umfasst, aber ebenfalls ausgedehnte Kenntnisse über andere psychotherapeutische Verfahren als das vertieft erlernte Hauptverfahren;
- dass der Zugang zur Ausbildung über verschiedene Vorbildungen, insbesondere der Human- und Sozialwissenschaften erfolgt.
In Deutschland lässt das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) über ein Forschungsgutachten klären, ob und inwieweit die bisherige deutsche Ausbildungsregelung für Psychotherapeuten resp. Kinder- und Jugend-psychotherapeuten nach dem Bologna-Prozess (Bachelor-Master-Doctor-System) verändert werden muss. Eine zukunftsgerechte Ausbildung könnte sich dem System, wie es an der Sigmund-Freud-Universität (Wien), die mittlerweile auch eine Filiale in Paris (SFU-Paris) hat, praktiziert wird (grundständige Erstausbildung in Psychotherapie), annähern. EVP (Europäische Vereinigung für Psychotherapie) und WCP (Weltrat für Psychotherapie) empfehlen eine Spezialisierung ab dem Bachelor-Zertifikat in Human-/Erziehungs- oder Sozialwissenschaften. Das BMG erwartet eine Antwort auf die Frage, ob zukünftig einer Erstausbildung zum Psychotherapeuten unter Integration der erforderlichen psychologischen und pädagogischen Kompetenzen anstelle der bisherigen postgradualen Ausbildung der Vorzug zu geben wäre. (Dies wäre dann mit den Ausbildungen in anderen akademischen Heilberufen vergleichbar.) Die Vorreiterrolle der Sigmund Freud Universität trägt hier schon ihre Früchte! Weiterhin sollen Aussagen dazu gemacht werden, ob eine Erweiterung der Kompetenzen von Psychotherapeuten z.B. zur Verschreibung von Arzneimitteln, bei entsprechendem Kenntniserwerb sinnvoll sein könnte. Ob das im Sinne der Psychotherapeuten und ihres Selbstverständnisses sein wird, bleibt mal dahingestellt.
Der Europäische Verband für Psychotherapie (EAP/EVP), dem auch die LGIPA a.s.b.l. angehört, setzt sich wie die 1988 als A.s.b.l. eingetragene LGIPA (Lëtzebuerger Gesellschaft fir Individualpsychologie nom Alfred Adler) zum Nutzen der Bevölkerung für die Linderung von unfreiwilligem emotionalen Leiden, für die Verhinderung von seelischen Störungen und Krankheiten sowie für die Verbesserung von Lebensqualität und Wohlbefinden ein. Das erfolgreiche Anstreben dieser Ziele seitens der LGIPA wurde auch vom Luxemburger Gesundheitsminister in der Festbroschüre zum zwanzigjährigen Bestehen der LGIPA gewürdigt. Die „Glück und Gesundheit“-Woche im Oktober 2007 in Bartringen zeugten ebenfalls von diesem Bestreben im Dienste der Allgemeinheit.
Zusammen mit dem EVP strebt die LGIPA ebenfalls danach, die Entwicklung und Regelung der Psychotherapeutischen Standards in der EU und darüber hinaus zu beeinflussen und Information und Dokumentation für politische Organisationen und Ministerien zugänglich zu machen. Durch verschiedene Maßnahmen (Ausbildungsprojekte, Informationskampagnen, Dozentenaustausch, praxisorientierte Forschung, …) wird ein hohes Niveau in Ethik, Ausbildung und Weiterbildung zum Nutzen der Allgemeinheit gefördert; dieses Qualifikationsniveau wird auch durch das Europäische resp. das Weltzertifikat für Psychotherapie dokumentiert. Durch den Europäischen Verband ist die LGIPA auch dem Weltrat für Psychotherapie angeschlossen; dieser hatte - bis 2003 - den Konsultationsstatus bei der UNO wie die EVP beim Europarat. Seit 2004 hat der WCP den Status der Vollmitgliedschaft im Wirtschafts- und Sozialrat der UNO inne.
Im Jahr 2002, anlässlich des 3. Weltkongresses für Psychotherapie, hat der Weltrat für Psychotherapie, auf Vorschlag der „Fédération Française de Psychothérapie“ eine Charta zugunsten der Inanspruchnehmer von Psychotherapie angenommen; die 7 Punkte betreffen (1) Das Recht zu Würde und Respekt, (2) Das Recht der freien Auswahl von Therapeut und Methode, (3) Das Recht zur Information (Qualifikation, Methode, Diagnose) (4) Die Therapiebedingungen, (5) Das Recht auf Verschwiegenheit (Schweigepflicht), (6) Die ethische Verpflichtung des Psychotherapeuten, (7) Die Beschwerdenprozedur. Diese Charta sollte weltweit verbreitet werden und Anwendung finden. (s. http://www.ff2p.fr ). Die ethischen Richtlinien der LGIPA findet man auf „ www.lgipa.lu “.
Auch wenn die EVP- und WCP-Kriterien für die psychotherapeutische Ausbildung und die Psychotherapieanwendung weltweit durchgesetzt werden sollen, darf das - zum Wohle der Inanspruchnehmer - weder naiv und kritiklos noch besserwisserisch und rücksichtslos geschehen. Westliche Standards sind nicht immer das Maß aller Dinge: So wie es auch in manchen Kulturen auf den verschiedenen Kontinenten besondere kulturspezifische seelische Pathologien gibt, so gibt es auch für diese Störungen traditionelle – und wirksame ! – Heilmethoden.
Die Psychotherapeuten verfallen nicht der Illusion, dass man Glück und Gesundheit ausschließlich mit psychotherapeutischen Methoden erzielen kann; ebenso wenig kann Psychotherapie als die ultimative Lösung für alle gesellschaftlichen und mondialen Probleme angesehen werden. Unheimlich inspirierend sind die Theorien und Methoden bedeutender Psychotherapeuten allemal; dies wird besonders deutlich, wenn man sich auf die neueste Veröffentlichung, einen Literaturführer, von Prof. Pritz einlässt: Einhundert Meisterwerke der Psychotherapie. Um Möglichkeiten, Chancen und Grenzen von Psychotherapie in einer globalisierten Welt, quasi hundert Jahre nach den Anfängen in Europa (Frankreich und Oestrerreich), geht es im öffentlichen Vortrag von Prof. Pritz, der sicher nicht nur Fachleuten aus dem Gesundheitsbereich und Politikern fundierte Einblicke und nachhaltige Orientierungen bieten kann. Die Anwesenheit von Prof. Pritz bietet auch Politikern und Journalisten die Möglichkeit, sich durch einen hochkarätigen Experten auf dem Gebiet der Psychotherapie kundig zu machen!
Weiterführende Literatur:
- FFdP (2005). Pourquoi la psychothérapie? Fondements, méthodes, applications. Paris: Dunod.
- FF2P (2006). Être psychothérapeute. Questions, pratiques, enjeux. Paris: Dunod.
- Herpertz, Caspar, Mundt (Hrsg.)(2008). Störungsorientierte Psychotherapie. München: Urban & Fischer.
- LGIPA (Hrsg.)(2004). Psychologische Psychotherapie in Luxemburg. IP-FORUM spezial (48 Seiten).
- LGIPA (2006). Gruppentherapie, Gruppenanalyse, Gruppensupervision. Spezialheft IP-FORUM (84 Seiten)
- LGIPA (Hrsg. )(2007). Festbroschüre: LGIPA 1988-2008 (56 Seiten)
- LGIPA (2008). Psychologische Wege zu Glück und Gesundheit. Jahrbuch IP-FORUM (120 Seiten).
- Pritz, A. (2008). Einhundert Meisterwerke der Psychotherapie. Ein Literaturführer. Wien: Springer.
- Sonneck, G. (Hrsg.)(1996). Einführung in die Psychotherapie.Wien: Facultas Univ.verlag.
- Strauß, Hohagen, Caspar (Hrsg.)(2007). Lehrbuch der Psychotherapie (in 2 Bänden). Göttingen: Hogrefe.
- Stumm & Pritz (Hrsg.) (2000). Wörterbuch der Psychotherapie. Wien: Springer.
- Stumm & Pritz (2005). Personenlexikon der Psychotherapie. Wien: Springer.
WEB-sites:
www.lgipa.lu & www.ipg.lu sowie www.europsyche.org & www.worldpsyche.org
Curriculum vitae von Prof. Dr. Pritz: www.sfu.ac.at. (Universitätskollegium, Rektorat)