Was versteht man am IPG unter Gesundheitsförderung und Prävention?

14. 12. 03
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Exkurs 2 zu „Wichtige Konzepte der Gesundheitspsychologie"

Lucien NICOLAY

 

„Ein Gramm Vorbeugung wiegt ein Pfund Heilung auf“

 

(Kindererziehung; Adler, 1930/1976)

 

Einleitung

Aufgrund rezenter Studien aus dem deutschen und anglo-amerikanischen Sprachraum haben wir heute differenzierte Auskunft über epidemiologische Basisdaten und gesundheitspolitische Notwendigkeiten. Gleichzeitig werden auch Wege aufgezeigt, wie diese Veränderungen erzielt werden können. International kann man einen Trend zur gemeindebezogenen Prävention verzeichnen, im Rahmen derer vielfältige Maßnahmen zur Gesundheitserziehung, Gesundheitsaufklärung, -Beratung und -Förderung ergriffen und zum Teil wissenschaftlich begleitet werden. Die Bandbreite reicht von einzelnen themenzentrierten Handzetteln und Aufklärungsschriften über Informationsveranstaltungen, Aktionswochen für Kinder und Familien bis hin zu komplexen und evaluierten Präventionsprogrammen mit verschiedener Zielrichtung.

 

Traditionell werden verschiedene Ebenen der Intervention unterschieden: Maßnahmen der Gesundheitsförderung orientieren sich an der Modifikation von gesellschaftlich vermittelten Lebensstilen (z.B. „Halte dich fit und treibe Sport!“). Zielpopulation ist in der Regel die Gemeinde in ihrem natürlichen Lebensumfeld und nicht eine spezielle Risikopopulation, von der bereits bekannt ist, dass sie einem erhöhten Risiko für gesundheitliche Beeinträchtigung unterliegt. Hier setzt die nächste Stufe primäre Prävention an und zielt auf die Verhinderung von spezifischen Erkrankungen ab. Primäre Prävention orientiert sich an einem Risikofaktorenmodell und ist damit individuumzentriert. Obwohl viel über Risikofaktoren von Krankheiten bekannt ist, lassen sich diese jedoch in vielen Fällen nicht verhindern (z.B. Herzinfarkt – Rauchen, Übergewicht, Ernährung etc.). Maßnahmen zur Sekundärprävention versuchen über die Verminderung von Risikofaktoren wenigstens eine Wiedererkrankung zu verhindern. Auf einer dritten Ebene erfolgt im Rahmen der tertiären Prävention die Behandlung von Krankheitsfolgen, d.h. die Verbesserung der Krankheitsbewältigungsfähigkeiten beim einzelnen Individuum.

 

Während viel für die Prävention (körperlicher) Zivilisationskrankheiten getan wird, beklagt man auch im Ausland in Forschung und Praxis eine Vernachlässigung der Prävention im Bereich psychischer/ psychosozialer Störungen. Dieser Umstand ist bedauerlich und kaum zu erklären, da rezente epidemiologische Untersuchungen nicht nur eine Zunahme von bestimmten psychischen Störungen bestätigen, sondern zudem nachweisen, dass eine große Anzahl Jugendlicher und junger Erwachsener bereits im frühen Lebensalter von psychischen Störungen betroffen sind und dass das Alter der Ersterkrankung sinkt (z.B. für Angststörungen und Depressionen). Die daraus resultierenden Probleme beeinträchtigen die Jugendlichen (Neuerkrankungsgipfel) bereits in einer wichtigen Phase ihrer Entwicklung, in der eine Reihe normativer Anforderungen bewältigt werden müssen, wie die sogenannten Entwicklungsaufgaben, kritische Lebensereignisse und, speziell für Luxemburg, der Schulleistungsdruck und der psychosoziale Stress im schulischen Umfeld mit seinen Folgen. Psychische Probleme können dabei Ursache oder Folge einer ungenügenden Anpassungsleistung an diese Anforderungen sein. Längsschnittstudien belegen eine hohe Stabilität und damit die Tendenz zur Chronifizierung von Angststörungen, Depressionen und expansiven Verhaltensstörungen im Kindes- und Jugendalter sowie das Fortschreiten eingangs subklinischer psychischer Probleme im Laufe der Entwicklung. Konsequenzen können vielfältige soziale Probleme und weitere psychische Störungen sein (z.B. Alkohol- und Substanzenmissbrauch, psychosomatische Erkrankungen, Suizidversuche usw.), die vor allem in ihrem gemeinsamen Auftreten nur noch mit großem Kostenaufwand behandelt werden können. Die damit für das Gesundheitswesen verbundenen Kosten sind enorm und erst recht, wenn das Ausmaß der Störung erst spät/zu spät erkannt wird.

 

Erfreulicherweise gibt es aber weltweit Ansätze für primärpräventive Programme (standardisiert oder maßgeschneidert) zur Vermeidung solcher pathogenen Entwicklungen. Die in den letzten Jahren ergriffenen und dokumentierten Maßnahmen zur  Prävention von Verhaltens- und psychischen Auffälligkeiten und zur Förderung der psychosozialen Gesundheit konnten ihre Wirksamkeit eindrücklich bestätigen. Seltener sind störungsspezifisch ansetzende Präventionsmaßnahmen, obschon wir heute über die notwendigen Grundlagen verfügen. Die dokumentierten Interventionen, in der Mehrzahl Gruppenprogramme, wurden aber auch äußerst positiv evaluiert.

 

Es lohnt sich also, sich eingehender mit diesem Thema zu beschäftigen und vor allem das Notwendige zu tun, um auch in Luxemburg Prävention psychischer Störungen und psychosoziale Gesundheitsförderung zu  implementieren. Staat und Gemeinden sollten Initiativen von Privatorganisationen in diesem Bereich unterstützen! Auch die Krankenkassen könnten noch viel tun, um zu Gesundheitskassen zu avancieren!

 

Das gesundheitswissenschaftliche Interventionsmodell

nach HURRELMANN & SETTERTOBULTE (2000)

 

Alle Konzepte der Prävention und Gesundheitsförderung gehen davon aus, prophylaktisch zu wirken, um möglichen Störungen der Persönlichkeitsentwicklung und Beeinträchtigungen der Gesundheit schon in einem frühen Stadium zuvorzukommen. Je früher Unterstützung und Hilfe einsetzen – so die leitende Idee – desto eher kann der Verfestigung einer Störung und Beeinträchtigung und ihren möglichen Spätfolgen vorgebeugt werden. Diese können aus zunehmender Verschlimmerung der Leiden und nachfolgender sozialer Isolierung und Stigmatisierung bestehen.

 

Schon Caplan hatte 1964 in seinem Buch „Principles of preventive psychiatry“ ein Verlaufsmodell von Belastungs-Bewältigungs-Prozessen vorgestellt: Darin ist in einer idealtypischen Betrachtung eine Sequenz von ökologischen und sozialen Lebensbedingungen, Risiken und Belastungen für die Persönlichkeitsentwicklung, gelungenen und misslungenen Bewältigungsprozessen, Störungs- und Krankheits-manifestationen und biopsychosozialen Folgen sowie Spätfolgen. Die drei bekannten Präventionsschritte beziehen sich auf Caplans Modell. In letzter Zeit wird aus Gründen der begrifflichen Vereinheitlichung und Methodenunabhängigkeit statt von primärer, sekundärer oder tertiärer Prävention eher von Intervention (als Oberbegriff) gesprochen. So interveniert man halt vorbeugend-präventiv, heilend-kurativ oder rehabilitativ. Eine noch differenziertere Darstellung von Interventionsschritten wird seit einigen Jahren von Hurrelmann und Settertobulte propagiert, weil sie der heute in der Praxis „geläufigen“ (!?!) Maßnahmen eher gerecht werden soll. In diesem fünfphasigen Modell werden die präventive und die rehabilitative Intervention nochmals untergliedert. Die Einteilung der Interventionen ergibt sich dabei zumindest theoretisch aus dem in der Zielgruppe vorhandenen Risikopotenzial.

(1)   Bei der primordialen Intervention handelt es sich um Maßnahmen, die sich unspezifisch an eine gesamte Altersgruppe oder eine Region richten. Diese generelle Prävention ist vorrangig durch bevölkerungs-sozial- und gesundheitspolitische Maßnahmen allgemeiner Art gekennzeichnet, also Maßnahmen, die sich auf eine Verbesserung der Lebensbedingungen in den Bereichen Hygiene, Lebensstandard, Bildung und Erziehung, Wohnung, Ernährung, Arbeit & Beschäftigung, usw. richten (z.B. Schutzimpfungen, Anti-Mobbing-Kampagnen oder Programme, Gesundheit/Sicherheit am Arbeitsplatz). Primordiale Intervention entspricht heute im eigentlichen Sinne der Gesundheitsförderung; Zielgruppe ist eine selektierte Population oder die Gesamtpopulation, keinesfalls aber eine Risikogruppe (!?!). Die themenzentrierte IP-Gesprächsabende (über Ernährung und Gesundheit, Partnerschaft, Mobbing, Kindererziehung, ...), die individualpsychologischen Elterntrainings oder die IP-Erziehungsberatungsgruppen, die IP-Gesundheitsseminare mit den Entspannungs-, Selbstsicherheits- und Kommunikationstrainings o.ä. könnte man statt innerhalb der primären Intervention auch hier einreihen, jedenfalls dann, wenn bei den Teilnehmern kein potenzieller Risikofaktor auszumachen ist, - wenn sie also gesund sind und auch die Gesundheit anderer nicht gefährden. Sollte man unerfahrene erstmalige Eltern schon als Risikogruppe einstufen? Oder bedarf es dazu noch weiterer Faktoren? Die Forschungsergebnisse helfen bei manchen Entscheidungen weiter, wenn sie denn existieren. Zielsetzung ist in jedem Fall die Verhütung der Entstehung von Störungen und Krankheiten sowie die Stärkung der Kompetenzen und Ressourcen, Stärkung der Schutz- und Abwehrkräfte.

 

(2)   Bei der primären und spezifischen Prävention handelt es sich um Maßnahmen, die speziell auf (potenzielle?) Risikogruppen zugeschnitten sind. Diese Gruppen sind aufgrund des Herkunftsmilieus, kritischer Lebensumstände oder Lebensereignisse oder anderer Kriterien als besonders anfällig zu bezeichnen. Ziel der Programme ist es dabei, Wissen, Kompetenzen, Bewältigungs-fähigkeiten und das Selbstbewusstsein der Betroffenen zu fördern und allgemein Entwicklungsdefizite zu kompensieren. Man spricht von einer gezielten Vorbeugung durch Beeinflussung von früh erkennbaren und identifizierten Risikofaktoren. Die meisten Aktivitäten (z.B. Anti-Stress-Trainings) der LGIPA könnte man ebenfalls diesem Bereich zuordnen, da es sich bisher meistens um gemischte Gruppen mit schon belasteten und noch nicht belasteten Personen handelte.

 

(3)   Die sekundäre Intervention (Kuration, Therapie) setzt das Auftreten erster Störungsanzeichen oder Frühzeichen von Krankheit (Erstsymptome) voraus. Diese Intervention bezieht sich auf Adressierung hoch risikobehafteter Personen, mit denen gezielt das sich ankündigende Problem bearbeitet werden kann. Merkmal der sekundären Intervention ist eine problemzentrierte Arbeit, deren Zielsetzung und Methodik entsprechend spezialisiert ist. Der Intervenierende braucht hier also eine (differenzial-)diagnostische und störungsspezifische Kompetenz, damit er kurative Prozesse (z.B. medizinische oder psychologische Therapie) einleiten und steuern kann. Man denke zum Beispiel an bulimische oder anorektische Auffälligkeiten oder an Symptome von Depressionen im Schul- und Jugendalter. Auch die Rückfallprophylaxe oder die  Chronifizierungs-prophylaxe wären hier anzusiedeln, z.B. im Fall einer erstmaligen psychotischen Akutsymptomatik oder im Fall von neu auftretenden  Angst- und Panikattacken.

 

(4)   Die tertiäre Prävention (Kuration, Therapie) richtet sich an Personen, bei denen eine manifeste Störung und deren fortgeschrittene Symptome bereits aufgetreten sind (z.B. Chronifizierung). Die verwendeten Methoden sind auch hier, wie bei der sekundären, problem- und störungszentriert und das therapeutische Ziel ist auch hier eine Behebung der aufgetretenen, voll ausgeprägten oder chronifizierten Störung sowie eine Schadensbegrenzung hinsichtlich der Spätfolgen.

(5)   Der Bereich der Rehabilitation und Kompensation wird als quartäre Intervention bezeichnet. Ziel der Rehabilitation ist es, nach Abschluss einer kurativen Behandlung den Genesenden in den alltäglichen Lebenslauf zurückzuführen und seine Vulnerabilität hinsichtlich des Wiederauftretens der Erkrankung oder Störung zu mindern. Behinderten soll ein möglichst störungsfreier Lebensrhythmus trotz Beeinträchtigung ermöglicht werden. Maßnahmen könnten sein, mal abgesehen von einer eventuellen Dauermedikation, eine Kompensation oder Stärkung verlorener oder beeinträchtigter Funktionen, eine schrittweise soziale Wiedereingliederung usw. Vom Begriff her müsste man auch die Rehabilitation von verkehrsauffälligen Kraftfahrern und von Delinquenten hier unterbringen; die Therapie von alkoholabhängigen Kraftfahrern und Punktetätern jenachdem unter sekundärer und/oder tertiärer Intervention.

 

Diese fünf Phasen oder Schritte interventiven Handelns unterscheiden sich theoretisch nicht nur nach dem Zeitpunkt, zu dem sie auf einem hypothetischen Ereigniskontinuum eintreten, sondern auch nach ihrer Eingriffsintensität und nach der Größe der Zielgruppe. Die Intensität nimmt von Phase 1 bis 5 schrittweise zu, die Größe der Zielgruppe nimmt schrittweise ab. Diese „theoretisch saubere“ Klassifikation leuchtet auf den ersten Blick ein, doch, - aufgrund von Erfahrungen mit einer komplexen Interventionspraxis - hat sie allenfalls die Funktion einer didaktischen Orientierungshilfe und bleibt damit bis auf Weiteres ein „Schreibtischmodell“.

 

Darüber hinaus unterscheiden sich alle Interventionsmaßnahmen, außer nach ihrem Wirkungsverlauf auch (deskriptiv) nach ihrer Zielebene, nämlich distalen und proximalen (Programm-)Zielen: Distale Ziele von Interventionen konzentrieren sich auf die ökologischen und sozialen Lebensbedingungen sowie auf den institutionellen und sozialen Kontext und natürlich auf die Ressourcen (Netzwerke, Beziehungen). Die Verwirklichung dieser Ziele ist erst mit einer zeitlichen Verzögerung messbar. Proximale Ziele sind dagegen auf die direkte subjektive Lebenswelt, den biografischen Kontext und die individuellen Ressourcen (persönliche Fertigkeiten, Handlungskompetenzen) eines Menschen gerichtet. Fortschritte innerhalb dieser Zielvorgaben sollten bereits während der Intervention erkennbar werden.

 

Hinsichtlich ihres Ansatzpunktes lassen sich person-/ individuumzentrierte Interventionen und kontext-/umweltzentrierte Interventionen differenzieren. Aufgrund der Annahme multifaktorieller Ursachen für die meisten gesundheitlichen Störungen weisen Kombinationen aus person- und umweltzentrierten Maßnahmen eine höhere Erfolgsquote auf. Dem kann sich das IPG nur anschließen.

 

Aus all den dargestellten theoretischen und konzeptionellen Überlegungen zur Gestaltung von Maßnahmen der Prävention und Gesundheitsförderung werden konkrete Kriterien für die Planung und Durchführung solcher Maßnahmen abgeleitet. Diese beziehen sich auf die Wahl der inhaltlichen und methodischen Elemente, die Merkmale der Zielgruppe, die Strategie der Programmentwicklung und Implementation sowie die notwendige begleitende Evaluation. Bei der inhaltlichen Gestaltung der Maßnahmen spielen auch die individualpsychologischen Konzepte eine Rolle, die durch die rezente wissenschaftliche Forschung Bestätigung gefunden haben.

 

Alfred ADLERs Pionierrolle und die Bestätigung seiner Konzepte

 

Es ist bislang deutlich geworden, dass die Prävention in den letzten Jahren immer wichtiger geworden ist; der Aufschwung der akademischen Gesundheitspsychologie legt davon Zeugnis ab. Adlers Pionierrolle betrifft die Bereiche der Prävention und Gesundheitspsychologie, der Pädagogik, der Familienberatung und Familientherapie. In diesen Bereichen sind viele seiner Annahmen und Erkenntnisse von der modernen Forschung bestätigt worden.

 

Adlers sozialmedizinisches „Gesundheitsbuch für das Schneidergewerbe“ (1898) ist seine erste Veröffentlichung, die den Präventionsgedanken hervorhebt. Damals war es auch für Mediziner nicht üblich, prophylaktisch zu denken. (Um diese Zeit wurde in Europa und Amerika auch der Grundstein der Klinischen Psychologie gelegt, aus der dann ein Dreivierteljahrhundert später die Gesundheitspsychologie hervorgegangen ist.) Adler war zuerst Allgemein- und Augenarzt, bevor er sich mit Psychiatrie, Psychotherapie und Pädagogik beschäftigt hat. In seiner Praxis sah der junge Arzt im Vergleich zu dem bereits etablierten Freud eher „einfache Leute“.

 

Adler erkannte bald die Notwendigkeit, sich in seiner Praxis neben den körperlichen auch den seelischen Problemen zuzuwenden und darüber hinaus konkrete Erziehungsberatung zu leisten. Er sah den Zusammenhang zwischen „falscher Erziehung“ und späteren „seelischen Problemen“ sehr deutlich und forderte in dem Artikel  „Der Arzt als Erzieher“ - erschienen 1904 in der ärztlichen Standeszeitung - seine Kollegen auf, die Eltern zu erziehen und Erziehungsberatung anzubieten, um eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung der Heranwachsenden zu gewährleisten. Adler fordert in dem Beitrag ganz konkret die Abschaffung der Prügelstrafe sowie aller anderen Formen von Gewalt in der Erziehung (wie Tadel, Schimpfworte, Inquisitionsverfahren, Zwang zur Abbitte, Abschließung an einen einsamen Ort) und plädiert dafür, dass Erwachsene vielmehr „liebevolle Beschützer“ sein und dem Kind „Zuneigung“ entgegenbringen sollen. Kein Kind sei dem Erzieher gleichzumachen, schreibt Adler. Und sein Plädoyer von 1904 für eine gesündere Erziehung geht weiter: Nicht Gehorsam und Unterwerfung, sondern Mut und Optimismus bräuchten die Kinder! Die Erzieher sollten den kindlichen Drang zur Selbständigkeit als einen natürlichen Drang nach Erkenntnis fördern und nicht unterbinden. „Das Selbstvertrauen des Kindes, sein persönlicher Mut ist sein größtes Glück!“ (Adler, 1904)

 

Der Begründer der IP hat also früh erkannt, dass eine gewaltfreie und ermutigende Erziehung die beste Vorbeugung gegen alle Arten von seelischen Störungen ist. Präventive Arbeit wurde auch von Adlers Schülern in den Wiener, Berliner und Münchener Erziehungsberatungsstellen geleistet, aber das erst nach dem ersten Weltkrieg. Einen besonderen Erfolg kannten die IP-Fortbildungsangebote auf dem Kongress über Psychiatrie im Kindes- und Jugendalter 1927 in München.

 

Nach 1918 hat Adler den pädagogisch-präventiven Ansatz verändert und die Förderung der sozio-emotionalen Kompetenz in den Vordergrund  gestellt, indem er das Konzept vom „Gemeinschaftsgefühl“ entwarf. Der wissenschaftlichen Untersuchung der Entwicklung des Gemeinschaftsgefühls in den ersten Lebensjahren widmete er die nächsten Jahre. Nach Rüedi (2000) lassen sich zwei Adlerianische Bedeutungsvarianten von „Gemeinschaftsgefühl“, die ontogenetische wie die phylogenetische, empirisch abstützen (vgl. auch Nicolay, 2002). Und „Gemeinschaftsgefühl“ gilt auch heute noch als ein Kriterium für seelische Gesundheit. Ein „starkes Zusammengehörigkeits- und Gemeinschaftsgefühl“ (Ornish, 1999), „Bedürfnisse nach Bindung und Selbstwerterhöhung“ (Grawe, 1998) usw. sind wichtige motivationspsychologische Elemente und sollten dementsprechend in Prävention, Pädagogik, Beratung und Therapie berücksichtigt werden (vgl. Exkurs 1).

 

Im Laufe seiner theoretischen Entwicklung ist der Begründer der Individualpsychologie jedenfalls zum Standpunkt gelangt, „den Menschen als ein Gemeinschaftswesen zu betrachten“ (Menschenkenntnis, Adler 1927, 1972). Zu seinem Verständnis von seelischer Gesundheit gehörte das Erlebnis des Bewältigens der sog. Lebensaufgaben dazu. Als soziales Wesen braucht der Mensch eine Art sozialer Intelligenz, um die Lebensaufgaben zu lösen; als solche werden in der IP angesehen

  • die sozialen Beziehungen und die Kooperation mit anderen Menschen,
  • der Beruf (Schule, Fortbildung eingeschlossen)
  • der Umgang mit Liebe, Erotik, Geschlechtlichkeit, Sexualität,
  • die Kreativität (kreative Lebensgestaltung, künstlerische Gestaltung).

 

Für die Lösung, dieser Aufgaben, die nach Adler jedem Menschen gegeben sind, braucht es gewisse Kompetenzen, die er unter dem Begriff „Gemeinschaftsgefühl“ („social interest“, soziales Interesse) oder „Gemeinsinn“ („sensus communis“, „common sense“, soziale Vernunft) zusammenfasste. Adler hat bereits vor über siebzig Jahren erkannt, dass ein einseitig kognitives Intelligenzverständnis ungenügend ist und dass soziale und emotionale Kompetenzen unbedingt zu berücksichtigen sind. „Wir haben unter Vernunft eine allgemeingültige Kategorie zu verstehen, die durchaus zusammenhängt mit Gemeinschaftsgefühl“ (Psychotherapie & Erziehung Band 1; Adler 1928, 1982). Nach Rüedi (2000) stehen die Intelligenzforscher (Gardner, Goleman, ...), die den Intelligenzbegriff um personale, emotionale oder soziale Intelligenz resp. Kompetenz ausgeweitet haben, in der Tradition Adlers. Mittlerweile gibt es dazu ein ganzes Bündel von Theorien mit unterschiedlichen Akzentuierungen, die hier aber nicht alle dargestellt werden können (siehe weiterführend Roth, 1998).

 

Erwähnt seien jedoch die rezenten Forschungsergebnisse von C. Saarni (1999), der den Begriff emotionale Kompetenz vorzieht und dazu acht Teilfertigkeiten in vier Bereichen unterscheiden konnte. Diese vier Bereiche sind allesamt als wesentliche Konstituenten der seelischen Gesundheit anzusehen. Im Gleichklang mit Adler sieht er emotionale Intelligenz nicht als eine eigenständige geistige Fähigkeit, die separat zu messen wäre und versteht sie auch nicht als Eigenschaft, die dem Individuum von Anfang an in einer gewissen Quantität innewohnt, sondern sie ergibt sich aus dem transaktionalen Zusammenspiel von Person und Kontext im Lebenslauf. Die Person selbst erlebt dabei sozio-emotionale Selbstwirksamkeit (Kompetenzgefühl, „Eigenmachtgefühl“ nach Adler). Operationalisieren und unterscheiden lassen sich folgende Bereiche (mit ihren Teilfertigkeiten) dieser emotionalen Kompetenz:

  • Selbst: sich seines eigenen emotionalen Zustands bewusst zu sein, später auch der eigenen Ambivalenzen und Verdrängungs- oder Sicherungsbestrebungen; seine Gefühle in Worte fassen zu können; zu wissen, dass innere (emotionale) Zustände und Ausdruck nicht immer deckungsgleich sind, und zwar sowohl bei einem selbst als auch bei anderen.
  • Empathie: die Gefühle anderer Menschen erkennen und korrekt deuten zu können; sich anderen Menschen wohlwollend und empathisch zuwenden zu können.
  • Zwischenmenschliche Beziehungen: Wie Gefühle (einander) mitgeteilt werden, bestimmt zum großen Teil die Qualität von Beziehungen.
  • Bewältigung: in adaptiver Weise mit den eigenen Gefühlen fertig zu werden; emotionale Selbstwirksamkeit zu entwickeln in dem Sinne, dass man die eigenen emotionalen Erfahrungen akzeptiert, die gewünschte emotionale Stabilität findet und in Einklang mit den eigenen als gut und richtig erkannten moralischen Werten lebt.*
  • Nach Salovey und Meyer (und mit ihnen Goleman) käme noch die Zielorientierung hinzu, also die Fertigkeit, Emotionen in den Dienst eines Ziels zu stellen, wie etwa der Motivierung der Leistungssteigerung (Mittel-Zweck-Relation). Auch dies muss hier unbedingt festgehalten werden, da es ja gerade Adler war, der explizit und als erster Emotionsforscher auf die Teleologie/Finalität der Gefühle und der Gefühlsäußerungen, ob latent oder bewusst, hingewiesen hat.

 

Die Förderung dieser bereichsspezifischen Teilfertigkeiten gehört in jedes Gesundheitsförderungs- oder Präventionsprogramm! Nach Rüedi (2000) lässt sich das Adlersche Gemeinschaftsgefühl gut in inhaltliche Bestandteile wie Mut, Optimismus, Hilfsbereitschaft, Sozialkompetenz und Intuition zerlegen. In seinem Artikel „Vorbeugen ist besser als Heilen“ gibt auch er schon an, dass die Konzepte sich bewährt haben und durch die neuere Forschung Unterstützung gefunden haben. Seine Schlussfolgerung lautet: „Förderung des Gemeinschaftsgefühls oder – moderner gesprochen – Förderung von Sozialkompetenz, Förderung von emotionaler Intelligenz ist Prävention und von großer Tragweite für das individuelle Leben sowie für die gesamte Gesellschaft.“ Und etwas weiter heißt es: „Vor allem müsste unsere heutige Gesellschaft ihre soziale Verantwortung wirklich reflektieren, wie dies schon der frühe Adler 1898 in seiner ersten sozialmedizinischen Schrift gefordert hat“ (Rüedi, 2000).

 

Prof. Dr. Lucien NICOLAY (31.07.2002)

Präsident und Lehranalytiker der LGIPA

 

Hinweis zur Literatur

Basisliteratur: siehe Hauptbeitrag und Exkurs 1

Original-Literatur von Alfred Adler: Fischer-Taschenbuchverlag

Literaturergänzung zu diesem Beitrag:

  • Roth, E. (Hrsg.)(1998). Intelligenz. Stuttgart: Kohlhammer.
  • Saarni, C. (1999). The development of emotional competence. New York: Guilford.
  • Zahlreiche Artikel aus Fachzeitschriften
  • Literatur zur Prävention in der Schule:
  • Nicolay, L. (1995-2002) Neue Chancen für  entwicklungsbeeinträchtigte
  • Kinder (5 Bände). Besonders Band  5 „Gehirn, Schule & Gesellschaft“.

 

Luxemburg: SNE-Editions  (im Druck).

Settertobulte, Hoepner-Stamos & Hurrelmann (1997).

Gesundheitsförderung in der Schule. In Altgeld, Laaser & Walter (Hrsg.).

Wie kann Gesundheit verwirklicht werden? (S. 91-101). Weinheim: 

Juventa.