Was versteht man am IPG unter seelischer Gesundheit?

14. 12. 03
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 Exkurs 1 zu „Wichtige Konzepte der Gesundheitspsychologie „

Lucien NICOLAY

 

Für Krankheit und Kranksein gibt es viele Symptome und Befunde. Im Bereich der psychischen Störungen hat sich im letzten Jahrhundert die psychiatrische Teildisziplin der Allgemeinen Psychopathologie, um ein allgemeines Verständnis von psychischen Symptomen bemüht. Spätestens seit der Einführung des DSM-III (bald: Diagnostisches & Statistisches Manual Psychischer Störungen -DSM V-) werden jedoch auch die psychischen Symptome im Zusammenhang mit ihren jeweiligen Störungen betrachtet.

 

Für Gesundheit und Gesundsein ist eine solche Zuordnung nicht möglich, da es keine abgrenzbaren und unterschiedlichen Formen von Gesundheit gibt. Von daher gibt es für den Bereich der Gesundseins eine Vielfalt von Versuchen, durch Auflistung entsprechender Merkmale zu einer positiven Definition zu kommen. Ein Beispiel ist der Begriff „Wohlbefinden“ in der Definition der WHO. Aber auch andere Merkmale sind denkbar, zum Beispiel Glücklichkeit, Zufriedenheit, ausgeglichenes Temperament, Intelligenz, rücksichtsvolles Sozialverhalten usw. In der Literatur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts findet man etwa sechs bis sieben Kriterien psychischer Gesundheit, wie positive Einstellung zur eigenen Person, Wachstum und Selbstverwirklichung, integrierte Persönlichkeit, Autonomie oder Selbständigkeit, adäquate Realitätswahrnehmung sowie Kompetenz in der Bewältigung von Anforderungen der Umwelt. Oder in einer anderen Version: Störungsfreiheit, Leistungsfähigkeit, Rollenerfüllung, Homöostase, Flexibilität, Anpassung, Wohlbefinden. So ist vielleicht die Definition der Weltgesundheitsorganisation, die Gesundheit als Ganzes sieht (Integration körperlicher, psychischer und sozialer Anteile), nicht der Weisheit letzter Schluss, aber man sollte nicht vergessen, dass vor der WHO-Definition „Gesundheit“ immer mit „körperlicher Gesundheit“ gleichgesetzt wurde, was heute natürlich unsinnig erscheint. Deshalb vermeidet es das IPG seinerseits, nun die psychosoziale Seite von Gesundheit exklusiv zu betonen. Allein die eingesetzten Methoden sind psychologischer Art. Sie können ganz wesentlich zur Erhaltung (z.B. psychohygienische Lebensführung adoptieren) oder zur Wiederherstellung (Psychotherapie, Rehabilitation) ganzheitlicher Gesundheit beitragen.

 

Der Medizinsoziologe Antonovsky identifizierte in den siebziger Jahren sog. Widerstandsressourcen, die er später in dem Konzept des Kohärenzgefühls (sense of coherence) mit den Komponenten Verstehbarkeit (comprehensibility), Handhabbarkeit (manageability) und Bedeutsamkeit (meaningfulness), sozusagen als generelle Lebenseinstellung (kein Copingstil!) zusammenfasste. Das Kohärenzgefühl ist demnach „eine globale Orientierung, die das Ausmaß ausdrückt, in dem jemand ein durchdringendes, überdauerndes und dennoch dynamisches Gefühl des Vertrauens hat, dass erstens die Anforderungen aus der internalen oder externalen Umwelt im Verlauf des Lebens strukturiert, vorhersagbar und erklärbar sind, und dass zweitens die Ressourcen verfügbar sind, die nötig sind, um den Anforderungen gerecht zu werden. Und drittens, dass diese Anforderungen Herausforderungen sind, die Investitionen und Engagement verdienen. (...) Je stärker das Kohärenzgefühl einer Person ist, desto erfolgreicher wird sie die unausweichlichen kontinuierlichen und der menschlichen Existenz innewohnenden Stressoren bewältigen können.“ (Antonovsky, zit. nach Nicolay, 1999).

 

Heute werden verschiedene verwandte Konzepte ebenfalls als salutogenetisch bezeichnet, wie zum Beispiel das Konzept der Widerstandsfähigkeit (Hardiness) von Kobasa (1979, 1982), des Stamina von Thomas (1981) und Colerick (1985), der Selbstorientierung von Kohn & Schooler (1983). Während pathogenetische Modelle sich primär auf die Definition und Erklärung von abweichenden Zuständen oder Prozessen beziehen, orientieren sich salutogenetische Modelle an dem gesamten Spektrum von Gesundheit und Krankheit und konzentrieren sich vor allem darauf herauszufinden, wie Menschen möglichst gesund werden. Ursprünglich von der Stressforschung hervorgegangen, untersuchen sie nicht die Interaktion von Stress und Erkrankungen, sondern widmen sich der Frage, wie Menschen mit Stress umgehen, ohne dabei krank zu werden und erforschen die Variablen, die eher Gesundheit fördern als Krankheit verursachen.

 

Die von Kohut (1977, zit. nach Ornstein, 2001) revidierte Psychoanalyse, die als Selbstpsychologie bekannt wurde, fasst psychische Gesundheit auf, „nicht nur als Freiheit von neurotischen Symptomen und Hemmungen, die die Funktionen eines ‚psychischen Apparats‘  beeinträchtigen, der am Lieben und am Arbeiten beteiligt ist, sondern auch als die Fähigkeit eines stabilen Selbst, sich der Begabungen und Fertigkeiten zu bedienen, die einem Individuum zur Verfügung stehen, um den Menschen damit in die Lage zu versetzen, erfolgreich zu lieben und zu arbeiten. (...) Da psychische Gesundheit früher durch die Lösung innerer Konflikte hergestellt wurde, wurde Heilung, ob im engeren oder weiteren Sinne, ausschließlich in Begriffen der Konfliktlösung, durch Ausweitung des Bewusstseins gesehen. Weil psychische Gesundheit heute jedoch immer häufiger durch die Wiederherstellung eines vorher fragmentierten Selbst erreicht wird, muss Heilung, ob im engen oder im weiteren Sinne, jetzt auch in Begriffen der Erziehung von Selbst-Kohärenz, vor allem in Begriffen der Restitution des Selbst mit Hilfe erneut hergestellter empathischer Nähe zu Widerhall gewährenden Selbstobjekten, abgeschätzt werden.“

 

Auf empirischer Grundlage (Fragebogenanalysen) konnte Becker (1995) drei Hauptkomponenten (Faktoren zweiter Ordnung) der seelischen Gesundheit unterscheiden: Seelisch-körperliches Wohlbefinden (mit den Primärfaktoren Sinnerfülltheit, Selbstvergessenheit und Beschwerdenfreiheit), Selbstaktualisierung (Expansivität, Autonomie) sowie selbst- und fremdbezogene Wertschätzung (Selbstwertgefühl, Liebesfähigkeit). Ich habe wieder auf Beckers Ansatz zurückgegriffen, weil er der IP-Sichtweise sehr nahe kommt und sie sogar weiter ausdifferenziert. Beckers (1986, 1995) Kernannahme besagt, dass jemand in dem Maße seelisch gesund ist, indem es ihm gelingt, externe (via  zentrale Informations-Verarbeitung und -Gestaltung) und interne (Bedürfnisbefriedigung, Sinn & Orientierung mittels Tenazität und Flexibilität, hinreichend stabiles und konsistentes Selbst- und Umweltmodell zwecks Orientierung und Sicherheit) Anforderungen zu bewältigen; einer solchen Person wird „psychische Kompetenz“ zugeschrieben. Die emotionale Befindlichkeit und das psychische Wohlbefinden sind eindeutig von dieser sog. psychischen Kompetenz abhängig.

 

In der Individualpsychologie Adlers stimmen bei seelischer Gesundheit die individuellen Strebungen mit den Anforderungen des gemeinschaftlichen Zusammenlebens (Arbeit, Sexualität, Beziehungen, Kreativität) überein. Die Nähe des ersten deutschsprachigen Gesundheitspsychologen zur IP zeigt sich auch in folgendem Zitat von 1986: „Die adaptive Funktion des Bedürfnisses nach Achtung und Wertschätzung besteht unseres Erachtens vor allem darin, dass es den Menschen – als ein in Sozietäten lebendes Wesen – auf diese Gemeinschaft hin orientiert, seine Gemeinschaftsfähigkeit fördert und seinen Egoismus zügeln hilft“ (Becker, zit. nach Nicolay, 1994/‘97).

 

Nach Hurrelmann (1995, 2000) lässt sich Gesundheit in sozialisationstheoretischer Tradition definieren als Zustand des objektiven und subjektiven Befindens einer Person, der gegeben ist, wenn diese Person sich in den physischen, psychischen und sozialen Bereichen ihrer Entwicklung in Einklang mit den eigenen Möglichkeiten und Zielvorstellungen und den jeweils gegebenen äußeren Lebensbedingungen befindet. Gesundheit ist beeinträchtigt, wenn sich in einem oder mehreren dieser Bereiche Anforderungen ergeben, die von der Person in der jeweiligen Phase im Lebenslauf nicht erfüllt oder bewältigt werden können. Die Beeinträchtigung kann sich in Symptomen der sozialen, psychischen und physisch-physiologischen Auffälligkeit manifestieren.

 

Gesundheit ist demnach kein passiv erlebter Zustand des Wohlbefindens, sondern ein aktuelles Ergebnis der jeweils aktiv betriebenen Herstellung und Erhaltung der sozialen, psychischen und körperlichen Aktionsfähigkeit eines Menschen im gesamten Lebenslauf. Soziale, ökonomische, ökologische und kulturelle Lebensbedingungen bilden den Rahmen für die Entwicklungsmöglichkeiten von Gesundheit für jede einzelne Person. Der Zustand „Gesundheit“ spiegelt in diesem Sinne immer auch die subjektive Verarbeitung und Bewältigung gesellschaftlicher und sozialer Verhältnisse wider. Und so begreifen die führenden europäischen Gesundheitsforscher (Hurrelmann und Settertobulte, 2000) Gesundheit ganz im Sinne der Individualpsychologie: „Gesundheit ist dann gegeben, wenn eine Person konstruktiv soziale Beziehungen aufbauen kann, sozial integriert ist, die eigene Lebensgestaltung an die wechselhaften Belastungen des Lebensumfeldes anpassen kann, dabei individuelle Selbstbestimmung sichern und den Einklang mit den biogenetischen, physischen und körperlichen Möglichkeiten herstellen kann. Gesundheit kann deshalb auch als Resultat einer ‚gelungenen‘ Sozialisation verstanden werden.“

 

Die obigen Ausführungen zeigen, dass nicht nur in die Definition von Krankheit, sondern auch in die von Gesundsein Bewertungen eingehen, die kulturell und gesellschaftlich mitgeprägt sind und daher nicht unbedingt konstant sind. Ohne normative Vorstellungen menschlicher Existenz und Koexistenz ist psychische Gesundheit jedenfalls nicht zu fassen. Immer wird deutlich, dass somit ein Idealzustand, z.B. im Sinne einer optimalen Entwicklung resp. Entfaltung oder im Sinne einer voll funktionierenden Person gemeint ist und kein Durchschnittszustand.

 

Grawe (nach Nicolay 1999, 2000) hat trotzdem versucht, ein neutraleres oder kulturfreies Konzept zu finden. So ordnet er ein Grundprinzip des psychischen Funktionierens, das er mit Konsistenz bezeichnet, allen psychischen Bedürfnissen über. Konsistenz bestehe aus zwei Komponenten, nämlich der externen oder Außenanpassung, die er auch als Kongruenz bezeichnet und der internen oder Binnenregulation, die er als Konkordanz bezeichnet. Konsistenz wird gefährdet durch inkongruente Wahrnehmungen, Schemata, Konflikte usw. Zum Beispiel: Da viele innerpsychische Prozesse gleichzeitig ablaufen, kann es zur gleichzeitigen Aktivierung von Bedürfnissen kommen. Wenn diese sich widersprechen und konflikthaft sind, ist die Fähigkeit des Individuums, diese Bedürfnisse zu befriedigen, eingeschränkt. Die daraus folgende Inkonsistenz wird als unangenehm erlebt und daher mittels verschiedener psychischer Strategien reduziert.

 

Ob die gesundheitsgefährdenden Konflikte oder Schwierigkeiten jetzt mehr intern oder mehr extern generiert werden, Tatsache bleibt, dass sie immer mit unserer sozialen Eingebundenheit  - ob als zu viel oder zu wenig erlebt - zu tun haben. Lange vor Bowlby und Sullivan hatte Adler die lebenslängliche zwischenmenschliche Bedürftigkeit des Einzelnen herausgearbeitet, beginnend mit dem „Zärtlichkeitsbedürfnis des Kindes“ (1908). Die  moderne Säuglingsforschung sowie die rezenten Motivationstheorien bestätigen diesen Ansatz ebenso wie klinische Forschung (siehe Nicolay, 2002/2003). Abschließend folgen dazu zwei rezente Zitate; das eine aus einem Buch zur Lebenskrise bei Männern, das andere aus der kalifornischen Roseto-Studie.

 

„Wir alle brauchen Anerkennung von Außen. Wir messen unseren Erfolg an den Reaktionen anderer Menschen, und ohne das Gefühl, in der Gemeinschaft eine sinnvolle Aufgabe zu erfüllen, fehlt uns die Verankerung im mitmenschlichen Kreis. Unser Bedürfnis nach Anerkennung entspricht unserer Natur als Gemeinschaftswesen.“ (Wartenweiler, 1998).

 

„Sozial isolierte Menschen hatten im Vergleich zu jenen, die über ein starkes Zusammengehörigkeits- und Gemeinschaftsgefühl verfügten, ein mindestens zwei- bis fünfmal so hohes Risiko, vorzeitig zu erkranken und zu sterben.“

 

(Ornish, 1999)

 

Prof. Dr. Lucien NICOLAY (10.07.2002)

Präsident und Lehranalytiker der LGIPA

 

Literatur

  • Hurrelmann, K. & Settertobulte, W. (2000). Prävention und Gesundheitsförderung im Kindes- und Jugendalter. In F. Petermann (Hrsg.) Lehrbuch der Klinischen Kinderpsychologie und –psychotherapie, S.132-148. Göttingen: Hogrefe
  • Nicolay, L. (1994). Einführung in die Gesundheitspsychologie. Luxemburg: SLP-Bulletin 57, 19-23.*
  • Nicolay, L. (1995 & ´96). Adlerianische Psychoanalyse mit gehörlosen Menschen. Hörpäd. 6 & 7, 355-367 & 5-22.
  • Nicolay, L. (1997). Persönlichkeits- und Gesundheitspsychologie. Luxemburg: Cunlux-Publications.
  • Nicolay, L. (1999). Exkurs Gesundheitspsychologie. In: Klinische Psychologie und Psychotherapie. Cahiers de Psychologie 2, 11-15. Cunlux. (Oder im Nachdruck von 2002.)
  • Nicolay, L. (2000). Individualpsychologie, Allgemeine Psychologie und Psychotherapie. ZfIP, 25. Jg., 269-318.
  • Nicolay, L. (2002/2003). Back to the future: I. Wohin wollen wir? & II. Wie kommen wir dahin? Ecole & Vie / SNE-Editions (im Druck)
  • Ornish, D. (1999). Die revolutionäre Therapie: Heilen mit Liebe. München: Mosaïk.
  • Ornstein A. & P. (2001). Empathie und therapeutischer Dialog. Gießen: Psychosozial-Verlag.
  • Rüedi; J. (2000). Vorbeugen ist besser als Heilen. ZfIP, 25. Jg., 345-363.
  • Wartenweiler, D. (1998). Männer in den besten Jahren. Von der Midlife-Crisis zur gereiften Persönlichkeit. München: Kösel.