Wichtige Konzepte der Gesundheitspsychologie

14. 12. 03
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...mit zwei Exkursen zu den Konzepten „psychische Gesundheit“ und „Prävention“

Lucien NICOLAY

 

Die Frage der Gesundheit geht jeden Menschen etwas an, sie betrifft uns alle. Jeder Mensch hat zudem Vorstellungen darüber, wie beispielsweise seelisches oder körperliches Wohlbefinden zu erreichen ist und tagtäglich orientiert er sich an diesen Vorstellungen, ob er es nun weiß oder nicht. Es lohnt sich, der Frage nach der Gesundheit bewusst nachzugehen und sie aus wissenschaftlicher Sicht zu beleuchten. Neben somatophysischen und psychosozialen Aspekten des individuellen Wohlbefindens wird heute das Vorhandensein eines ausreichenden  kognitiven und verhaltensmäßigen Repertoires zur individuell „gesunden“ Lebensgestaltung und zur Bewältigung aktueller Lebenskrisen explizit berücksichtigt. In den letzten Jahren wird von den Gesundheitswissenschaften ein Gesundheitsbegriff vertreten, der eine erfolgreiche Anpassung des Individuums auf biologischer, physiologischer und immunologischer, aber auch auf sozialer, psychischer und kultureller Ebene thematisiert.

 

In den letzten hundert Jahren hat sich die Psychologie als wissenschaftliche Disziplin entwickelt, aber erst in den letzten zwanzig Jahren hat sie sich mit Gesundheit beschäftigt. Nach Auffassung der Weltgesundheitsorganisation ist Gesundheit ja mehr als bloße Abwesenheit von Krankheit oder körperlichen Gebrechen und sie umfasst eine physische, psychische und soziale Dimension; - damit wird natürlich ein Idealzustand definiert! Dennoch haftet dem Begriff stets auch eine latente Furcht vor der Krankheit an, die es z.B. durch gesundheitsfördernde Maßnahmen zu vermeiden gilt. Krankheit und Gesundheit werden traditionell als zwei sich ausschließende Begriffe angesehen, während Kranksein und Gesundsein als Extrempole eines Kontinuums mit einem neutralen Mittelbereich verstanden werden, deren Grenzwerte fließend sind.

 

In der Gesundheitspsychologie spricht man deshalb lieber vom Gesund-Sein, weil dieser Begriff die Ganzheitlichkeit dieses Zustandes besser konnotiert, weil er nicht nur den Kampf um seine Aufrechterhaltung, sondern auch die Arbeit für seine alltägliche Wiederherstellung assoziiert. Die körperlichen und seelischen Ressourcen sind allerdings auch alters- und situationsabhängig und man kann nicht früh genug mit Förder- und Vorbeugemaßnahmen beginnen. Gesundheitsförderung umfasst eine Reihe von Bemühungen auf mehreren Ebenen, in deren Mittelpunkt der Mensch steht, der junge und der alte, der kranke und der gesunde, der engagierte und der desinteressierte, der fördernde und der blockierende Mensch.

 

Die Gesundheitspsychologie ist ein wissenschaftlicher Beitrag der Psychologie zur

  • Förderung und Erhaltung von Gesundheit
  • Verhütung und Behandlung von Krankheiten
  • Bestimmung von Risikoverhaltensweisen
  • Diagnose und Ursachenbestimmung von gesundheitlichen Störungen
  • Rehabilitatio
  • Verbesserung der gesundheitlichen Versorgung

 

Gesundheitspsychologie beschäftigt sich also nach dieser Auflistung von Schwarzer aus den neunziger Jahren nicht exklusiv mit seelischer Gesundheit und überschneidet sich teilweise mit der Klinischen Psychologie, eben was die seelischen Störungen und die seelischen Aspekte körperlicher Störungen anbelangt (vgl. Nicolay, 1999ff.). Vor allem aber liefert sie die Daten, auf deren Grundlage Maßnahmen der   Gesundheitsförderung und Gesundheitsprävention entwickelt oder geplant werden können.

 

Das daraus abzuleitende präventive Handeln richtet sich nicht ausschließlich auf diagnostizierbare manifeste Erscheinungen, sondern versucht, spezifisch oder unspezifisch, das Auftreten von Störungen und Erkrankungen zu verhindern. Es folgt der grundlegenden Annahme, dass Erkrankungen durch pathogene Entwicklungseinflüsse bedingt sind, die sich nicht mit naturgesetzlicher Zwangsläufigkeit vollziehen, sondern als interaktive Prozesse zwischen Umwelt und Person beeinflussbar sind. (siehe Exkurs über Entwicklungspsychopathologie, in Nicolay, 1999ff.) Prävention muss daher eng mit den Annahmen und Erkenntnissen über die Ursachen und über Risikofaktoren für das Auftreten von Störungen im Lebenslauf verbunden sein. Aus den Annahmen und Erkenntnissen über die Ursachen ergibt sich dabei generell das konkrete Handlungsziel und die Methode der präventiven Bemühung. Aus den Annahmen über Risikofaktoren und Risikogruppen ergibt sich die Auswahl der Zielgruppen.

 

Die konkrete Gesundheitsförderung (betr. primärpräventive Maßnahmen) setzt konzeptionell auf mehreren Ebenen an: auf der individuellen Ebene, der Gruppenebene und der strukturellen Ebene (Institutionen).

  • Auf der individuellen Lernebene wird nicht allein auf die präventive Funktion von Information vertraut, wie sie z.B. von der Öffentlichen Gesundheit divulgiert werden, aber auch nicht auf Methoden der Abschreckung und des Drohens mit Risiken und Folgen bestimmter Verhaltensweisen. Vielmehr wird die Glaubwürdigkeit von Botschaften und Aufklärungsmedien auch durch emotional tragfähige und durch Probehandeln in  alternativen Situationen eingeübte Haltungen erhöht. Dazu ist es notwendig, die Botschaften personal zu vermitteln und die Möglichkeiten zu bieten, an Vorbildern zu lernen. Dies ist deshalb in keinem Bereich mit einer einmaligen Maßnahme erledigt, sondern braucht Kontinuität und muss zu einem Lernprinzip werden. Menschen, bei denen schon Leidensdruck besteht oder die schon belastet sind, müssen entlastet und  stabilisiert werden oder in ihrer Weiterentwicklung gefördert werden.
  • Auf der Lern- und Entwicklungsebene von Gruppen gibt es viele gut erprobte Ansatzpunkte: regelmäßige Fortbildungsangebote und Arbeitsgruppen, Gesundheitsabende, Elternabende, Familien-seminare, Kommunikations- und Kooperationsgruppen (zwischen Fachleuten) bis hin zu Freizeit- und Sportaktivitäten.
  • Und schlussendlich, auf struktureller Ebene, geht es um die Förderung der Gesundheit in öffentlichen Diensten sowie in Betrieben usw. Das Angebot reicht von der Beratung bis hin zu konkreten Kursen und Seminaren sowie der Initiierung von selbstmoderierten internen Aktivitäten.

 

Alle Angebote und Maßnahmen sollen dazu dienen, ganzheitliche Gesundheit aktiv zu fördern, aber auch Risikobedingungen frühzeitig zu erkennen, möglichen Störungen vorzubeugen oder sie rechtzeitig anzugehen. Dazu muss man natürlich wissen, was krank macht oder was gesund macht und das komplexe Bedingungsfeld im Einzelfall abklären. Diesbezüglich gibt es heute eine Reihe von Konzepten und Modellen.

 

Das Salutogenese-Konzept, das in den letzten Jahren weltweit Anerkennung fand und eine Abkehr von pathogenetischen, z.B. krankheitsorientierten Stress-Konzepten führte, wurde ursprünglich vom amerikanisch-israelischen Medizinsoziologen Aaron Antonovsky entwickelt. Es hilft auch, Adlers Gesundheitskonzept weiter auszudifferenzieren (siehe Exkurs „Was versteht das IPG unter Seelischer Gesundheit?“). In der wissenschaftlichen Fragestellung geht es darum, wie Menschen trotz Belastungen und Stress gesund bleiben bzw. welche Mittel einer Person zur Verfügung stehen bzw. sich aktivieren lassen, um mit Stress fertig zu werden, Belastungen zu ertragen und die eigene Gesundheit zu erhalten bzw. nicht krank zu werden. Die allgemeinen wie individuellen gesundheitserhaltenden oder -fördernden Faktoren müssen in der Praxis entdeckt und gestärkt werden. Salutogenese ist also ein Konzept, das eng mit der Prävention verbunden ist. Aus dem Blickwinkel der Salutogenese bedeutet Prävention damit nicht nur die Veränderung krankheitsverursachender und –aufrechterhaltender Bedingungen, sondern auch eine Unterstützung vorhandener gesundheitsbegünstigender Ressourcen (siehe: Nicolay, 1999 & 2002).

 

Vom Salutogenesemodell wird sich erhofft, dass es halfen kann, die Diskussion um die psychische Störung als objektive Krankheit oder gesellschaftliche Konstruktion zu entschärfen. (Zwei rezente Bücher, eins von  Nancy Andreasen und eins von Ty C. Colbert, illustrieren gut die beiden Extrempositionen.) Die explizite Annahme eines Kontinuums von psychischer Krankheit und psychischer Gesundheit schafft mehr Flexibilität als es die Dichotomisierung von „gesund“ und „krank“ zulässt und eröffnet vor allem die Möglichkeit, Veränderungen wahrzunehmen und zu werten. (Als Beispiel hierzu kann man die Abhängigkeitserkrankungen erwähnen, die sich langsam, oft über Jahre entwickeln, - nicht mit einem qualitativen Sprung. Und auch der Weg zurück in Richtung Gesundheit gelingt in der Regel nicht mit einer einzigen Anstrengung, sondern ist von lebhaften Hin- und Her-Bewegungen zwischen Gestaltung und Rückfall gekennzeichnet.)

 

Bei den synonym gebrauchten Begriffen Prävention oder Prophylaxe geht es immer um Vorbeugung, oder, um bei den etymologischen Wurzeln zu bleiben darum, schneller zu sein als andere, der Gefahr und Gefährdung zuvorzukommen. In jedem Fall geht es heute um die Verhinderung von Leid und Störungen.  Präventive Maßnahmen können sich dabei sowohl auf körperliche Erkrankungen wie  psychische Störungen beziehen. Unterschieden werden bereichsspezifisch primäre, sekundäre und tertiäre Prävention (siehe Anhang 2). Die Begriffe konnten sich zuerst in der Medizin im Kontext der Seuchenbekämpfung durchsetzen (19. Jahrhundert). Verhaltensbeeinflussung ist immer noch das Hauptmittel der Prävention.

 

Aufgrund der stetig anwachsenden Zahl chronisch kranker Patienten und nicht zuletzt durch die damit verbundene starke finanzielle Belastung für das staatliche Gesundheitswesen müsste das Interesse gestiegen sein, Krankheiten vor ihrer Entstehung zu verhindern oder Langzeitfolgen der Erkrankungen zu minimieren. Hohe Kosten entstehen bekanntlich vor allem aufgrund anhaltender Funktionseinschränkung, verbunden mit Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit, und Inanspruchnahme von Gesundheits-versorgungsleistungen (von Arzt zu Arzt pilgern, beträchtlicher Medikamentenkonsum, überteuerte  Auslandskuren, ...). Aufgrund der Fortschritte im Bereich der universitären Gesundheitsforschung konnten Risikogruppen definiert,  Risikobedingungen identifiziert und vor allem die Multikausalität belegt werden. Bei der Planung präventiver Maßnahmen werden üblicherweise die ermittelten Risikobedingungen in handlungsnahe Empfehlungen überführt, die dann von bestimmten Populationen befolgt werden sollen. Das Problem der Compliance muss dabei immer wieder erneut angegangen werden.

 

Auf der Ebene der präventiven Verfahren werden diese populationsorientierten Maßnahmen von den individuums-orientierten unterschieden. Die LGIPA widmet sich in Ergänzung zu den öffentlichen Kampagnen zur Prävention von gewissen Krankheiten oder zur allgemeinen Gesundheitsförderung vor allem der Einstellungs- und Verhaltensänderung sowie Stabilisierung von einzelnen Personen mit Hilfe von psychologischen Methoden, z.B. im Gruppensetting, aber beispielsweise auch der Bewältigungshilfe von Lebenskrisen oder Psychotraumata im Einzelsetting. Die Reduktion ihres individuellen Gesundheitsrisikos oder die Stabilisierung ihres Gesundheitszustandes geschieht auf der Grundlage ihrer Lebens- und Lerngeschichte. Dieser Ansatz sowie das Gruppensetting (als Ressource!) reduzieren Compliance-Probleme beträchtlich. Die zur Verfügung stehenden Methoden sind recht vielfältig und sind im Prozessverlauf je nach Indikation und Zielsetzung selektiv einzusetzen, z.B. Trias „Beziehung-Dialog-Training“, Fragebögen und Tests, Lebensstilanalyse, Bedürfnisanalyse, Verhaltens- und Problemanalyse, Psychoedukation/Aufklärung, Trainings auf der Basis der Verhaltens-modifikation/kognitiven Verhaltenstherapie und der Selbstmanagement-therapie, Entspannungs- und Imaginationsverfahren, Ermutigungsarbeit usw.

 

In der Evaluation präventiver Maßnahmen steht deren Effektivität und Effizienz im Vordergrund. Im Rahmen der Qualitätskontrolle präventiver Maßnahmen werden daher die Struktur (z.B. Mitarbeiter, didakt. Material für Psychoedukation, ...), die Prozesse (z.B. wie werden die Interventionen durchgeführt?) und die Ergebnisse (z.B. prä-post-Vergleich, Kosten-Nutzen/Wirksamkeits-Analyse, Steigerung der Lebensqualität) präventiver Maßnahmen evaluiert. Bei der Gestaltung und Bewertung von Interventionsprogrammen sind die Erkenntnisse der (empirischen) Gesundheitspsychologie von großem Nutzen. Will man effektiv und ökonomisch vorgehen, muss man zunächst feststellen, in welcher Phase der Änderungsmotivation sich der Adressat/Klient/Patient  befindet, um das für ihn passende Modul oder die für ihn passende Gruppe auswählen zu können. Gleichzeitig müssen auch die personalen und sozialen Ressourcen mit berücksichtigt werden und nicht zuletzt die Persönlichkeit in ihrer Struktur und Dynamik. Moderne Ansätze haben den Anspruch, auf diese Weise ein möglichst maßgeschneidertes Programm anbieten zu können.

 

Um die Geschicke des Lebens bewältigen zu können, braucht man Ressourcen, darunter die sozialen und die persönlichen. Von den Ressourcen haben verschiedene Ansätze leicht unterschiedliche aber komplementäre Vorstellungen; sie sind zum Beispiel mehr forschungs- oder mehr praxisorientiert.

  • Ganz allgemein bezeichnet man mit Ressourcen das Insgesamt der einer Person zur Verfügung stehenden, von ihr genutzten oder beeinflussten schützenden und fördernden Kompetenzen und äußeren Handlungsmöglichkeiten oder auch Komponenten der Beanspruchungsoptimierung, die es also ermöglichen, Situationen zu beeinflussen und unangenehme Einflüsse zu reduzieren. Darunter werden innere (interne, individuelle, subjektive, personale) physische und psychische Ressourcen ebenso subsumiert, wie äußere (externe, objektive) physikalische, materielle, biologische, ökologische, soziale, institutionelle, kulturelle, organisationale, u.a.m.
  • Unter Ressourcen versteht man aber auch die nutzbaren Energien (NLP) oder die sich manifestierende schöpferische Kraft (IP) oder, mehr philosophisch, der „Elan vital“ des Individuums, die zur Zielerreichung eingesetzt werden können und auf der Ebene des Verhaltens (persönliche Erfahrungen), der Fähigkeiten („Stärken“, Strategien, Sicherungs- oder Bewältigungstechniken, ...), Einstellungen und Glaubenssätze (z.B. Glauben, Hoffnung) sowie der Identität (z.B. Selbstwert) angesiedelt sind.
  • Schlussendlich bezeichnet der Begriff Ressourcen im Bereich der wissenschaftlichen Modellbildung jene Potenziale, die Personen in der Auseinandersetzung mit alltäglichen Krisen und Belastungen oder zur Arbeit an ihrer Identität zu aktivieren vermögen. Mit der Formulierung von Belastungs- und Bewältigungsmodellen in der psychologischen Stressforschung hat auch in der Psychologie der Ressourcenbegriff an Bedeutung gewonnen. Wie schon angedeutet hat die Orientierung an den Ressourcen einen bemerkenswerten und praxisrelevanten Perspektivenwandel ermöglicht: von einer Defizit- oder Krankheitsorientierung hin zu einer salutogenetischen Sicht. In der psychologischen Belastungs- und Bewältigungsforschung sind vor allem materielle (etwa ökonomische, z.B. Sozialhilfe), soziale (z.B. unterstützende, Anerkennung vermittelnde Beziehungseinbindung) und psychische (z.B. Handlungskompetenzen oder Regulations-fähigkeiten wie Ambiguitätstoleranz, positive Selbstwirksamkeits-erwartung, Selbstwert, Anspruchsniveaus, und Leibfaktoren wie Aussehen, Attraktivität und körperliche Vitalität)  Ressourcen unterschieden worden.

 

Die Ressourcen können als das Kapital des Individuums angesehen werden; sie gelten als protektive oder Schutz-Faktoren und die Adressaten werden ermutigt, dieses Kapital zu mehren und zu nutzen. Ressourcen sind für Gesundsein  und Gesundheitsverhalten gleichermaßen von Bedeutung. Daneben gibt es ja bekanntlich die Risikofaktoren (siehe Nicolay, 1999, 2002), die es zu minimieren gilt.

 

Um die Entstehung von Gesundheit oder Krankheit erklären zu können, wurden in den letzten Jahren auf empirischer Basis komplexe Modelle entwickelt, wie zum Beispiel das sogenannte biopsychosoziale Modell (siehe Nicolay, 1999 & 2002). Dieses betont in Abgrenzung zum biomedizinischen Modell die psychischen und sozialen Einflussgrößen sowie deren Wechselwirkungen auf Krankheit und Gesundheit. Wenn wir also von Gesundheit reden, sind die psychischen und sozialen Faktoren immer eingeschlossen. Der potenziell krankmachende Faktor von Stress kann mit solchen Modellen gut erklärt werden. Zuerst ein häufiges Beispiel: Nach einer Verwitwung ist die Lebenserwartung des verbleibenden Partners statistisch gesehen reduziert. (Man spricht von einem hohen Potenzial an Morbidität und Mortalität, einem Potenzial für einen pathogenen Prozess aufgrund der langanhaltenden schweren Stressepisode, die durch Krankheit und Tod des geliebten Partners in Gang gesetzt wurde.) Einer der Mechanismen, die dem zu Grunde liegen, ist die Immunsuppression. Das heißt, wenn der Organismus durch Krisen und Depressionen belastet wird, wird das Immunsystem geschwächt, so dass sich Infektionskrankheiten und Tumorneubildungen häufiger beobachten lassen (siehe Hennig, 1998)

 

Stress meint nach unserem psychologischen Verständnis, weder einen kritischen Reiz noch die Reaktion darauf, sondern vielmehr einen interaktiven Vorgang, bei dem eine Person angesichts einer kritischen Situation Einschätzungsprozesse vornimmt. Dabei werden objektive und erlebte Situationsgefahren zu den eigenen Bewältigungsressourcen in Beziehung gesetzt. Aus solchen Stellungnahmen erwachsen dann emotionale und physiologische Reaktionen sowie Bewältigungs-anstrengungen (Coping, Copingstrategien). Adler hat immer darauf hingewiesen, dass es nicht die objektive Situation ist, die Leiden schafft, sondern, die subjektive Stellungnahme dazu, also, was man daraus macht. Ob jemand aufgrund von Stress krank wird oder nicht, hängt nach heutigem Wissen nicht nur von der stressreichen Situation ab, sondern auch von den Ressourcen, von den kognitiven Einschätzungen und von den zum Einsatz gebrachten Copingstrategien und deren Erfolg.

 

Ein modernes stresstheoretisches Modell (z.B. nach Schwarzer, 1996), das die biopsychosoziale Entstehung von Krankheiten verdeutlicht, geht davon aus, dass pathogene physiologische Prozesse sich aus dem Miteinander von Emotionen, Coping und Gesundheitsverhalten ergeben, welches seinerseits vom Ausmaß des psychischen Stress maßgeblich mitbestimmt wird. Stress resultiert schließlich aus der subjektiven Einschätzung von Anforderungen im Verhältnis zu den eigenen Bewältigungsressourcen (vgl. Kohärenzgefühl nach Antonovsky im Exkurs).

 

Die Menschen müssen dazu ermutigt und angeleitet werden, dass Gesundheit in ihrem Kompetenzbereich  liegt. Es geht zuerst einmal um den Aufbau von Kompetenz- oder Selbstwirksamkeitserwartungen. Damit ist die optimistische Überzeugung gemeint, stressreiche Anforderungen aufgrund eigner Fähigkeit und Anstrengung bewältigen zu können. Auch bei der Krankheitsbewältigung, z.B. nach Operationen, hat sich dieses „Persönlichkeitsmerkmal“ als einflussreich erwiesen. Ebenfalls günstig wirken sich soziale Ressourcen aus, wie z.B. sich geborgen und unterstützt fühlen. Der erlebte Kontrollverlust mit seinen Folgen bei und nach akuten psychischen Störungen können über diesen Weg ebenfalls überwunden werden.

 

Viele Menschen entwickeln einen Lebensstil, der meistens riskante Verhaltensweisen einschließt, was als individuelle Anpassung an die besonderen Lebensumstände der Person verstanden werden kann und was der Betroffene auch  nachvollziehen kann. Für Risikoverhaltensweisen gibt es möglicherweise individuelle (funktional äquivalente) Alternativen, die es dem Einzelnen erlauben, das Leben zu bewältigen, ohne dabei die Gesundheit zu schädigen oder psychisch krank zu werden. Um die Änderung von schwierigen Verhaltensweisen verstehen und erklären zu können wurden in den letzten Jahren ebenfalls Modelle entwickelt, in denen die Einfluss- und Wirkfaktoren abgebildet sind.

 

Die meisten Verhaltensweisen, die im Kindes- und Jugendalter objektiv als gesundheitsgefährdend eingeschätzt werden müssen (z.B. Sucht-, Ernährungs- und Bewegungsverhalten), lassen ihre schädigende Wirkung erst in erheblich späteren Lebensabschnitten erkennen (Herz-Kreislauf-, Krebs- oder degenerative Erkrankungen). Dasselbe gilt auch auf der kognitiven Ebene für Einstellungen zur eigenen Person (z.B. Selbstwirksamkeit), für generalisierte Bewertungsmuster (z.B. Attributionen von Erfolg und Misserfolg) und für den Erwerb von Bewältigungsfähigkeiten (z.B. Selbstregulation, Stressmanagement) für die in späteren Lebensabschnitten auftauchenden Krisen durch Krankheit, Schicksalsschläge oder andere kritische Lebensereignisse. In diesen Punkten wird die Individualpsychologie Adlers von der akademischen Gesundheitspsychologie bestätigt. Die Schlussfolgerung beider Richtungen der Psychologie besagt, dass man mit den Maßnahmen der Gesundheitsförderung und Prävention ab der für den Lebenslauf formativen Phase ansetzen muss und nicht erst im späteren Erwachsenenalter, wenn sich erste negative Auswirkungen zeigen. Gelingt es, wesentliche Ursachen für die Gesundheitsprobleme schon in frühen Entstehungsstadien auszuräumen oder einzudämmen, dann sind die Auswirkungen für spätere Lebensphasen positiv, weil es nicht zu einem Aufschaukeln der Effekte kommt. (Die Wirkungsforschung belegt die besondere Wirksamkeit und Effektivität der Maßnahmen, die in den ersten beiden Lebensjahrzehnten ergriffen werden.)

 

Schwarzers (1996) sozial-kognitives Prozessmodell zum Gesundheitsverhalten (also einer präventiven Lebensweise, die Schäden fernhält, die Fitness fördert und die Lebenserwartung steigern kann) nimmt beispielsweise an, dass Menschen zunächst einen konflikthaften Entscheidungs- und Motivierungsprozess durchlaufen, der in einer Zielsetzung gipfelt, bevor sie darangehen, das neue oder schwierige Verhalten auszuprobieren. In dieser Phase werden sie von Kognitionen geleitet, vor allem von Ergebniserwartungen und Selbstwirksamkeitserwartungen. Wenn sie sich dann ein konkretes Handlungsziel setzen, steigen sie in eine motivational ganz andere Phase ein, in der es zunächst um die Planung und Handlungsinitiative geht und später um die Handlungs-Ausführung, Aufrechterhaltung und Wiederherstellung nach Rückfällen. Dabei können die LGIPA-Gruppen eine methodische Anleitung und Unterstützung geben. Wer optimistisch an die eigene Kraft zum Durchhalten glaubt oder bei Bedarf sein soziales Netz geschickt zu mobilisieren weiß, vermag sein Leben nachhaltig zu verändern, auch wenn Widerstände überwunden werden müssen!

 

Die Intervenierenden des IPG richten sich dazu bei ihrem methodischen Vorgehen im Gruppen- oder Einzelsetting nach den folgenden Maximen/ „10 Geboten“:

  • Widme der Pflege der Berater/Therapeut-Klient/Patient-Beziehung höchste Aufmerksamkeit!
  • Fördere das Vertrauen des Klienten!
  • Fördere die Selbstachtung des Klienten!
  • Schenke den Gefühlen und psychologischen Bedürfnissen sowie dem Umgang mit Gefühlen des Klienten besondere Beachtung!
  • Orientiere das methodische Vorgehen an den Realitätskonstruktionen des Klienten!
  • Biete dem Klienten die Gelegenheit zur Aktualisierung seiner Probleme und zur Erweiterung seines Bewältigungsrepertoires!
  • Beachte die Einbindung des Klienten in Suprasysteme
  • Versuche, Quellen von Widerstand des Klienten zu verstehen und Anlässe für Widerstand zu vermeiden!
  • Berücksichtige die Persönlichkeit des Klienten und stimme das Vorgehen darauf ab!

 

Prof. Dr. Lucien NICOLAY (10.07.2002)
Präsident und Lehranalytiker der LGIPA

 

Literatur

  • Andreasen, N. (2002). Brave new brain - Geist, Gehirn, Genom -. Berlin: Springer
  • Antonovsky, A, (1997). Salutogenese: Zur Entmystifizierung der Gesundheit. Forum für Verhaltenstherapie und psychosoziale Praxis Nr. 36 (dgvt-Verlag; Tübingen
  • Colbert, T.C. (1999). Das verwundete Selbst. München: Beust.
  • Hennig, J. (1998). Psychoneuroimmunologie. Göttingen: Hogrefe.
  • Nicolay, L. (1994). Einführung in die Gesundheitspsychologie. PSYNFO/Bulletin de la SLP, Nr. 57,19-23.
  • Nicolay, L. (1999). Klinische Psychologie und Psychotherapie. Cahiers de Psychologie 2; Pubications du Cunlux (Wiederabdruck und Erweiterung 2002; erhältlich im Service des photocopies)
  • Rollett, B. & Werneck, H. (Hrsg.)(2002). Klinische Entwicklungspsychologie der Familie. Göttingen: Hogrefe.
  • Rüedi; J. (1994). Wie geht es dir? Seelische Gesundheit aus individualpsychologischer Sicht. PSYNFO/Bulletin de la SLP, Nr. 58, 13-22.
  • Schwarzer, R. (1996). Psychologie des Gesundheitsverhaltens. Göttingen: Hogrefe.
  • Schwarzer, R. (Hrsg.)(1997). Gesundheitspsychologie: ein Lehrbuch. Göttingen: Hogrefe
  • Schwarzer, Jerusalem u.a. (Hrsg.)(2002). Gesundheitspsychologie von A-Z. Göttingen: Hogrefe.
  • Siegrist, J. (1996). Soziale Krisen und Gesundheit. Göttingen: Hogrefe.