Verkehrspsychologische Diagnostik & Selektion

14. 12. 03
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INSTITUT FIR PSYCHOLOGESCH GESONDHEETSFËRDERONG

IPG zu Bartreng

VERKEHRSPSYCHOLOGIE

Diagnostik & Selektion

Dr. Lucien NICOLAY(2006)

Klinischer (Verkehrs-)Psychologe & Neuropsychologe; Psychotherapeut (ECP)


 

«Fahreignung»

• Wenn Nicht- Eignungausgeschlossen?!? (keine Positivdefinition); Kriterienproblem

• Kein stabiles, sondern variables Merkmal

• Keine Eigenschaft der Persönlichkeit, sondern das Ergebni seiner Interaktion von personalen Dispositionen und denäußeren & inneren Bedigungen, die in verschiedenen Situationen gegeben sind

• Durch Intervention können diese Dispositionen verändert werden

• Indikationswertige Konzepte: Unfallneigung/-disposition/-disponiertheit, Gefährdungsdisposition, Vs.angepasstheit

 

«Unfalldisposition»

• Statistisch: ndividuelle Unfalldisposition aufgrund erhöhter Unfallbeteiligung innerhalb eines bestehenden Zeitraums

• Psychologisch: Aufgrund bestimmter psychologischer Merkmale einer Person wird auf eine erhöhte verursachende Gefährdung im  Straßenverkehr geschlossen (z.B.  Impulsivität, emot. Instabilität, …)  

 

«Gefährdungsdisposition» & «Verkehrsangepasstheit

• Zur Teilnahme am Straßenverkehr geeignet ist nicht nur 1 Fahrer, der möglichst wenig Unfälle aufweist, sondern auch der, dessen Verhalten mit möglichst wenig Gefährdungen einhergeht.

• Verkehrsangepasstes Verhalten versucht, den teilweise gegenläufigen Anforderungen des Straßenverkehrs, derjenigen nach Sicherheit und derjenigen nach Kapazität durch einen optimalen Kompromiss gerecht zu werden. (Bsp. Öffentl. Personentransport: Kundendienst /- freundlichkeit, Fahrzeugführung, Zeitplan, …)

 

«Verkehrsgefährdung» & «Schädigungsereignis»

• Ein Betroffener kann ein Fahrzeug nicht sicher führen, wenn aufgrund des individuellen körperlich - geistigen Zustands beim Führen eines Kraftfahrzeugs VERKEHRSGEFÄEHRDUNG zu erwarten ist (= Annahme).

• Diese Annahme ist dann gerechtfertigt, wenn eine nahe durchTatsachen begründete Wahrscheinlichkeit des Eintritts eines SCHÄEDIGUNGSEREIGNISSES gegeben ist.

•  Dabei ist immer die KOMPENSATIONSFRAGE zu prüfen.

 

Voraussetzungen für das sichere Führen eines Kraftfahrzeugs

• Stabiles Leistungsniveau (multi-task!)

• Beherrschung in Belastungssituationen

• Gefahr des plötzlichen Versagens der körperlich- geistigen (psych.) Leistungs -  fähigkeit muss in einen absehbaren Zeitraum ausgeschlossen sein

• Sicherheits gerechte Einstellung & regel konformes Verhalten

 

Fahreignungsdiagnose

• Der Ausprägungsgrad der Fahreignung eines Individuums soll mit einer bstimmten Vergleichsstichprobe in Beziehung gesetzt werden, d.h. es soll der relative Standort des Individuums in Bezug auf eine Norm bestimmt werden.

• Dazu: Psychologische Prädiktoren, biografische & Explorationsdaten, Alter & Erfahrung, Verkehrsdelinquenz, Analyse des Fahrverhaltens

 

Fahreignungsbegutachtung 1

• Erste Diagnostik der Fahreignung: vorknapp 100 Jahren

 

Zweck: Auswahl von geeigneten Personen zur Führung von motorgetriebenen Militär-resp. Transportfahrzeugen

• 1910: MÜNSTERBERGscher Straßenbahner test = 1. Berufseignungs-test & Beginn der Angewandten Psychologie

Anlass:Verurteilung der StraßenbahngesellschaftenzuhohenUnfallentschädigungen

 

Fahreignungsbegutachtung 2

• Reihenuntersuchungen von Kraftfahranwärtern während des 1. Weltkrieges durch Prüfstellen des Deutschen Heeres (1915 von 24000 Mann!)

• Nachdem 2. Weltkrieg: Zunehmende Motorisierung verursachte rapiden Anstieg von Verkehrsunfällen

• Folge: Errichtung erster neuer verkehrs psycho-logischer Untersuchungsstellen in D.

• 50erJahre: Medizinisch-Psychologische Untersuchungsstellen (MPUs) bei den TÜVs in D.

 

Fahreignungsbegutachtung 3

• 1956: durch Prof. Klebelsberg in A am Institut für Psychodiagnostik & Angewandte Psychologie (Innsbruck). Deutsches Verkehrszentralregister

• Ab 1959 am neugegründeten Kuratorium für Verkehrssicherheit (KfV) mit Klebelsberg als Leiter des Instituts für Verkehrspsychologie.

• Ab 1960 in F.: «Tests psychotechniques»  i.R. der medizinischer Begutachtung zur Wiedererlangung eines gültigen Führerscheins; «Centres Psychotechniques» (1992: «permis à points»)

• Ende der 60er Jahre: Schweizer Verkehrspsych. Normaluntersuchung (SVN) von Gubser & Spörli

 

Psychologische Grundlagen 1

•Am Anfang: Psychotechnik & Bestenselektion: Untersuchung der exekutiven Funktionen (Reaktion, Aufmerksamkeit,  Belastbarkeit mit Testapparaturen)

•Ab Mitte der 20er Jahre: Unfällerkonzept, hier: charakterologische Begutachtung; Typologie, Persönlichkeitsstruktur?

•Anschließend:  Schlechtestenselektion, hier:  Mindestanforderungen

•Ab 60er Jahre: Revision der Auffassung,  Fahreignung sei ein relativ überdauernder Charakterzug (MethodenkritikvonMittenecker)

 

Psychologische Grundlagen2

• Ab 1970 durch Lern- & Sozialpsychologie, Situationismus,  Interaktionismus, …: Möglichkeit von Lern-& Entwicklungsprozessen, von Einstellungs- & Verhaltensänderung gewinnen in Fahreignungs - diagnostik an Bedeutung: Veränderungsdiagnostik. (Verstärkte Erfassung von Veränderungen & Entwicklungen in Vergangenheit eines Kraftfahrers & Beurteilung, ob diese auch für die Zukunft als stabil zu betrachten sind.)

• In den letzten Jahrzehnten des vorherigen Jhdts spielt Prognose des Verhaltens eine zunehmend bedeutende Rolle bei Beurteilung der Kraftfahrereignung: Prognostik

 

PsychologischeGrundlagen 3

• Mitte der 70er Jahre: Zunehmende Kritik an «Idiotentest» wegen Einseitigkeit, Beziehungsgefälle, fehlender Transparenz.

•! Beginnende Erfahrung der Gutachter mit «Nachschulung»! (Prof. Schneider 1974)

• Folgen: Neudefinition der Gutachter-Klient-Beziehung: verändertes Selbstverständnis der Gutachter; aktive Rolle des Klienten bei der Eignungsfeststellung, (Offenheit,  Mitarbeit, Änderungsmotivation, …). Das spezielle Fehlverhalten = zentrales Thema.

 

PsychologischeGrundlagen 4

• Weitere Fortschritte: anlassbezogener Mindestuntersuchungsumfang, einheitliche Begutachtung, objektive & nachvollziehbare U., Verbesserung der Untersuchungsmethoden (in A: ART90-Gerät, heute ART 2020; Leistungs- & Persönlichkeitstestung, multimediales & realitätsnahes Testen;  neu: Simulatoreinsatz)

• Seit 20 Jahren: Qualitätssicherung verkehrspsychologischer Diagnostik (QM-Systeme)

•Liberalisierung & Konkurrenz in EU: Kundenfreundlichkeit, K.nähe, Q.standards nehmen zu!

 

Aufgabe der VPD

• Beurteilung des Verkehrsverhaltens eines Lenkers / Lenkerin hinsichtlich des individuellen (Rückfall-)Risikosim  Straßenverkehr

• Abklärung auf Grundlage von Spezialwissen aus Verkehrspsychologie in Kombination mit psychologischen Grundlagenfächern (allg. & experi-mentellen  Psy., Entwickl.-, Klin., Sozial-Psy., Psych. Diagnostik & Methodenlehre, sowie Forensik)

• Je nach Auftraggeber: Privat-, Berufseignungs-,  behördlich veranlasste Untersuchung

• In L. ist VPD nicht gesetzlich verankert

 

Gründe & Anlässe 1

Auswirkungen medizinischer Ursachen/

Krankheiten oder Behinderungen:

Einschränkungen des Seh-/Hörsinns, Sinnes-behind., Bewegungsbehinderung, Intellektuelle Behinderung, Herz-& Gefäßkrankheiten, Hyper-/Hypotonie, Zuckerkrankheit, Nierenerkrakungen, Organtransplantation, Lungen-& Bronchialkrankheiten, Krankheiten des Nerven-systems, Parkinsonismus, Epilepsie,  …

 

Gründe & Anlässe 2

Organischpsychische & seelische Störungen:

Demenz & organische Persönlichkeitsveränderungen, Altersdemenz & P.veränderungen durch pathologische Alterungsprozesse, Affektive Psychosen, schizophrene Psychosen, intellektuelle Einschränkungen, Aufmerksamkeits - Hyperaktivitätsstörung, Persönlichkeitsstörungen, Suchtmittel- / Medikamentenabhängigkeit resp. Missbrauch, …

 

Gründe & Anlässe 3

• Delinquenz, Kriminalität

• Wiederholt verkehrsrechtliche Verstöße; Risikoindex (Vormerksystem in A.)

• Auffälligkeiten bei Fahrerlaubnisprüfung,  Kontrollen, Evaluationen

• Fahrgast beförderung

• Ausnahme vom Mindestalter oder vonanderen Regelungen

• Überprüfung von Kompensations maßnahmen, wiederholten Beschwerden

 

Sinneinerverkehrspsychologischen & verkehrsmedizinischenDiagnostik

Klärung / Entscheidung in puncto:

Recht & Interesse des Einzelnen nach automobiler Verkehrsteilnahme resp. Berufsausübung versus Recht auf Sicherheit / Verkehrssicherheit, d.h. Schutz der Allgemeinheit / Passagiere vor gefährlichen Lenkern => In L. wird ggfs medizinische Begutachtung als ausreichend erachtet;  europäische Regelung für Berufsfahrer in Sicht

 

Kraftfahrspezifische Leistungsfähigkeit

«Minimalfähigkeiten» mittels Test-& Apparatediagnostik:

• Beobachtungsfähigkeit, Überblicksgewinnung & Zielorientierung im Verkehrsraum

• Reaktionsverhalten, insbes. Sicherheit der Entscheidung & Reaktion sowie Belastbarkeit des Reaktionsverhaltens

• Konzentrationsvermögen

• Sensomotorik

• Intelligenz & Erinnerungsvermögen

 

Bereitschaft zur Verkehrsanpassung

«Einstellung, Selbstmanagement» mittels (verkehrsbezogenem)  Persönlichkeitstest & Explorationsgespräch

• Soziales Verantwortungsbewusstsein

• Selbstkontrolle

• Psychische Stabilität

• Risikobereitschaft

• Tendenz zu aggressiver Interaktion im Straßenverkehr

• Bezug zum kritisch von der Norm abweichenden Autofahren

 

Im Zweifelsfall: Fahrverhaltensprobe /-test!

Auf der Basis von Fehlerkriterien (Realitätsbezug, Augenscheinvalidität, Akzeptanz).

• Fehler sind Verhaltensweisen, die eine krasse Gesetzesverletzungund / oder

• Eine eindeutige Gefährdungdarstellen u/o

• Missverständnisse zwischen Verkehrsteilnehmern darstellen oder verursachen

N.B.: Übereinstimmung Art 2020 & Fahrverhalten (Wiener Fahrprobe;  SAF, Systemzur Analyse des Fahrverhaltens): 87% !

 

Exkurs: Fahrsimulator 1

Vorteile:

• Gefahrloses Experimentieren, keine schädigende Wirkung von Unfällen

• Verhalten kann direkt & mit beliebiger Messgeauigkeit erfasst werden

• Bessere Kontrolle der unabhängigen Variablen, bei konstanten übrigen Bedingungen

•Test von in Realität noch nicht existierenden Versuchsbedigungen

 

Exkurs: Fahrsimulator 2

Nachteile:

• Fragwürdige Generalisierbarkeit der Versuchsergebnisse (Realitätsnähe; z.B.Klientel)

• Unbefriedigende Validität (Simul.verhalten vs. Verkehrsrealität)

• Fragliche Simulierbarkeit motivationaler oder emotionaler Faktoren

• Validierung der Simulatoren ergebnisse im Feldversuch (mittels Fahrverhaltensprobe)

 

Explorationsinhalte

• Untersuchungsanlass, aktuelles Delikt, Problembewusstsein, Änderungsstrategien, persönliche Sicherheitsziele: => zukünftige Vorfallsfreiheit

• Bisherige Verkehrsteilnahme (Fahrpraxis, frühe reaktenkundige Delikte & Unfälle, …), verk.psychol. relevante soziodemografische Daten

• Gebrauch / Missbrauch von Alkohol, Arzneimitteln, Suchtmittelkonsum, Entzugsbehandlung, Substitutionstherapie, …

• Verhaltensauffälligekeiten während der Exploration

• Fachliche Analyse & Bewertung dieser Daten hinsichtlich künftiger Verkehrsteilnahme

N.B. Fragebögeneinsatz in Gruppemöglich

 

Beispiel: Verkehrspsychologischer   

Kurz-Fragebogen

• Was fällt Ihnen beim Führen eines Kraftfahrzeugs (PKW,  Motorrad, Bus, …) leicht und was schwer? (Komplexität)

• Auf was passen Sie beim Lenken eines Kraftfahrzeugs auf? (Risiko)

• Wie erklären Sie sich die vielen Unfälle und Gesetzesverstöße imStraßenverkehr? (Verantwortung, Typologie der Unfälle oder Gesetzesverstöße)

• Erinnern Sie sich an etwas, was Sie dazu bewegt hätte, Ihr Verhalten im Straßenverkehr zu ändern? (Erfahrung, Problem-bewusstsein)

• Wenn Sie verantwortlich für die Verkehrssicherheit wären, was würden Sie dann vorschlagen? (Einsatz & Motivation zur Verbesserung der Verkehrssicherheit)

• Wasbedeuten diese Schilder und was tun Sie, wenn Sie Ihnen begegnen? (Wissen & Umsetzung)

N.B.: Die tendenziellen Attributionsprozessesind besonders zu beachten und kritisch zu hinterfragen!