Kursus Seele & Gesundheit (G. HAAN, P. MARES, M. THILL)

14. 12. 03
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2.1 Definitionen („seelische Gesundheit“)

Wenn von DER Gesundheit die Rede ist, so mag dies den Eindruck erwecken, als sei Gesundheit eindeutig beschreibbar. Aber das Gegenteil ist der Fall: Was Gesundheit ist, wandelt sich mit der jeweiligen Perspektive, unter der das Thema betrachtet wird, und auch mit fortschreitendem Lebensalter und soziokulturellen Veränderungen.

 

Wir geben in diesem Kapitel einen kurzen Überblick über verschiedene Beschreibungen des Begriffs 'Gesundheit’, angefangen mit der individualpsychologischen Sichtweise. Dann werden die damit einhergehenden Themen wie ‚Gesundheitsförderung’‚ ‚Gesundheitsprävention’ (primäre, sekundäre und tertiäre) und ‚Empowerment’ erläutert, und abschließend wird auf das Salutogenese-Konzept des amerikanisch-israelischen Gesundheitsforschers Aaron Antonovsky und dessen Ausführungen zum „Kohärenzgefühl“ des Menschen hingewiesen.

 

Gesundheit in der Individualpsychologie

Die Individualpsychologen reden zunächst von Gesundheit im Gegensatz zu Krankheit. Weiter kann Gesundheit sowohl biologisch wie auch psycho-sozial bestimmt werden. Im Wörterbuch der Individualpsychologie wird der Begriff Gesundheit mit dem der Normalität in Verbindung gebracht. Der Begriff der Normalität leitet sich aus dem spezifischen Grad der Anpassung an ein vorgegebenes soziales Regelsystem ab.

 

Biologische Gesundheit besteht dann, wenn Gestalt- und Funktionsmerkmale in dem statistisch ermittelten Bereich liegen, der die dauerhafte Existenz des Organismus erlaubt. In ähnlicher Weise läßt sich die seelische Gesundheit als der statistisch „normale“ Zustand der psychischen Funktionen bestimmen, der die selbstständige Erhaltung der individuellen Existenz und die Erfüllung der gemeinschaftlichen Pflichten (Arbeit, Kindererziehung, Achtung fremden Eigentums und fremder Ansprüche usw.) ermöglicht. Leider ist niemals sicher zu sagen, in welchem Grad ein Einzelner durch Willenseinsatz und Zielstrebigkeit körperliche und seelische Mängel auszugleichen oder gar fruchtbar zu verwerten vermag (durch Kompensation).

 

Als psychologisches System hat die Individualpsychologie keinen Anlass und keine Möglichkeit, den Vergleich zwischen krank und gesund herauszuarbeiten. Gelegentlich findet man in der individualpsychologischen Literatur den Ausdruck „seelisches Gleichgewicht“ im Sinne der Ausgeglichenheit zwischen Selbstzuwendung und mitmenschlicher Zuwendung. Adler geht davon aus, dass bei den meisten Menschen ein „Gespür für die Gesundheit“ besteht, womit zweifellos der Eindruck von Harmonie gemeint ist, den der "Normale" (Mensch) ausstrahlt.

 

Gesundheit unter verschiedenen Aspekten

Gesundheit wird in der Verfassung der WHO von 1948 definiert als:

ein Zustand des umfassenden körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Behinderung.

 

Im Kontext von Gesundheitsförderung wurde Gesundheit weniger als ein abstrakter Zustand, sondern vielmehr als ein Mittel zum Zweck angesehen. Funktional gesehen ist Gesundheit eine Ressource, die es Menschen erlaubt, ein individuell-, sozial- und ökonomisch-produktives Leben zu führen.

 

Gesundheit ist eine Ressource für das tägliche Leben, nicht Ziel des Lebens. Sie ist ein positives Konzept, welches soziale und persönliche Ressourcen gleichermaßen wie körperliche Fähigkeiten betont (WHO, 1998).

 

Gesundheitsmodelle: Für manche Menschen ist Gesundheit das Freisein von körperlichen Beschwerden, andere wiederum betrachten Gesundheit als gleichbedeutend mit Wohlbefinden und Glück oder aber als Fähigkeit des Organismus, mit Belastungen fertig zu werden. Offizielle Definitionen von Gesundheit und Krankheit orientieren sich an unterschiedlichen Gesundheitsnormen. Es folgt ein kurzer Einblick in fünf verschiedene Gesundheitsmodelle:

 

1.Idealnorm von Gesundheit

Die Idealnorm von Gesundheit bezeichnet einen Zustand der Vollkommenheit, der zu erreichen wünschenswert oder wertvoll ist. Eine solche Idealnorm hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 1948 mit ihrer Definition von Gesundheit als Zustand des vollkommenen psychischen und physischen Wohlbefindens gesetzt - verbunden mit dem Vorwurf von Realitätsferne, da sich ein solcher Idealzustand kaum erreichen läßt.

 

2. Statistische Norm von Gesundheit

Die statistische Norm von Gesundheit wird durch die Auftretenswahrscheinlichkeit einer Eigenschaft des Organismus bestimmt. Was auf die Mehrzahl der Menschen zutrifft, wird als gesund definiert. Abweichungen von diesen Durchschnittswerten (und Grenzwerten) dagegen werden als krank bezeichnet.

 

3. Funktionale Norm von Gesundheit

Die funktionale Norm von Gesundheit orientiert sich daran, ob eine Person in der Lage ist, die durch ihre sozialen Rollen gegebenen Aufgaben zu erfüllen - und setzt auf diese Weise die Annerkennung und Gültigkeit übergeordneter Werte voraus.

 

4. Negativbestimmung von Gesundheit

Innerhalb des medizinischen Systems sind die Gesundheitsdefinitionen vor allem Negativbestimmungen, d.h. Gesundheit wird als Abwesenheit von Krankheit beschrieben. Liegen Beschwerden und Symptome vor, so wird die betreffende Person als krank betrachtet. Die rein biomedizinische Betrachtungsweise vernachlässigt allerdings wichtige Faktoren wie z.B. Lebenszufriedenheit und Wohlbefinden. So können sich Menschen mit physischen Schädigungen beispielsweise unter psychischen Gesichtspunkten durchaus als gesund bezeichnen, wenn sie sich trotz ihrer Erkrankung genuss- und leistungsfähig erhalten können.

 

5. Mehrdimensionales Gesundheitsmodell

Gesundheit, so die heutige Ansicht in den Sozialwissenschaften und in der Medizin, muß multidimensional betrachtet werden. Neben körperlichem Wohlbefinden (z.B. positives Körpergefühl, Fehlen von Beschwerden und Krankheitszeichen) und psychischem Wohlbefinden (z.B. Freude, Lebenszufriedenheit) umfasst Gesundheit auch Leistungsfähigkeit, Selbstverwirklichung und Sinnfindung. Abhängig ist Gesundheit zudem vom Vorhandensein, von der Wahrnehmung und vom Umgang mit Belastungen, von Risiken und Gefährdungen durch die soziale und ökologische Umwelt sowie vom Vorhandensein, von der Wahrnehmung, Erschließung und Inanspruchnahme von Ressourcen.

 

Gesundheitsförderung, Gesundheitsprävention und Empowerment

Gesundheitsförderung zielt auf einen Prozess, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie dadurch zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen.

 

Gesundheitsförderung ist ein komplexer sozialer und politischer Prozess; sie schließt nicht nur Handlungen und Aktivitäten ein, die auf die Stärkung der Kenntnisse und Fähigkeiten von Individuen gerichtet sind, sondern auch solche, die darauf abzielen, soziale, ökonomische sowie Umweltbedingungen derart zu verändern, dass diese positiv auf individuelle und öffentliche Gesundheit wirken. Gesundheitsförderung ist der Prozess, die Menschen zu befähigen, ihre Kontrolle über die Determinanten von Gesundheit zu erhöhen und dadurch ihre Gesundheit zu verbessern. Aktive Beteiligung (Partizipation) ist essentiell, um Gesundheitsförderungsaktivitäten zu erhalten. (WHO, 1998)

 

Unter Prävention versteht man die Verhütung von Krankheiten. Das Ziel ist einerseits, Krankheiten so früh wie möglich zu erkennen und schnell wirksam zu behandeln; andererseits soll die Gesundheit so erhalten und gefördert werden, dass Krankheiten gar nicht erst entstehen können.

 

Eine Dreiteilung in primäre, sekundäre und tertiäre Prävention ist üblich:

1. Die primäre Prävention, d.h. Krankheitsverhütung, soll bereits dann wirksam werden, wenn noch keine Krankheit aufgetreten ist. Die primäre Prävention umfasst die Förderung der Gesundheit und Verhütung von Krankheit durch Beseitigung eines oder mehrerer ursächlicher Faktoren (z.B. Abbau verhaltensbedingter Risikofaktoren durch Gesundheitserziehung/-training oder durch Schutzimpfungen) und durch Veränderung von Umweltfaktoren, die ursächlich oder als Überträger an der Krankheitsentstehung beteiligt sind. 

 

2. Die sekundäre Prävention, d.h. Krankheitsfrüherkennung, hat zum Ziel, Krankheiten und Risikofaktoren möglichst frühzeitig zu erkennen und zu therapieren bzw. zu beseitigen, bevor Beschwerden oder Krankheitssymptome auftreten. Es werden krankheitsspezifische Früherkennungsuntersuchungen durchgeführt. Bei „Risikoträgern“ werden dann Verhaltens- und Lebensstiländerungen zum Abbau der Risikofaktoren eingeleitet.

 

3. Die tertiäre Prävention, d.h. Verhütung der Krankheitsverschlechterung richtet sich an Patienten, bei denen bereits eine Krankheit oder ein Leiden manifest ist und behandelt wird. Hier ist das Ziel die Verhinderung von Folgeerkrankungen bzw. die Verhütung von „Rückfällen“ und Verschlimmerungen bzw. Chronifizierungen. Tertiäre Prävention und Rehabilitation überschneiden sich teilweise. Während Maßnahmen der tertiären Prävention rein krankheitsorientiert sind, zielt Rehabilitation darauf ab, Kranke und ihre Umwelt nicht nur medizinisch-therapeutisch, sondern auch psychosozial und schulisch-beruflich zu einem Leben mit Krankheit oder Behinderung zu befähigen.

 

Prävention und Gesundheitsförderung wurden oft als gleichbedeutende Begriffe gebraucht. In jüngster Zeit hat sich jedoch eine differenzierte Sichtweise durchgesetzt. Die sozial- und risikofaktorenmedizinische Prävention wird als ein grundlegender „Interventionstypus“, neben anderen wie Gesundheitsbildung oder gesundheitsbezogene Gemeinwesenarbeit, in die Gesundheitsförderung integriert. Die Entschließung der 64. Gesundheitsministerkonferenz von 1991 hebt hervor, dass Gesundheitsförderung erst dann realisiert ist, wenn „Verhaltensprävention“ als Beeinflussung individuellen gesundheitsbezogenen Handelns und „Verhältnisprävention“ als Einwirken auf die materiellen, sozialen und kulturellen Lebens- und Umweltbedingungen für Gesundheit, Risiko und Krankheit miteinander verknüpft werden (Franzcowiak,1996).

 

Ziel von Empowerment („Bemächtigung“) ist die Förderung der Fähigkeit der Menschen, ihre soziale Lebenswelt und ihr Leben selbst zu gestalten und sich nicht gestalten zu lassen. Gesundheitsförderer sollen dabei durch ihre Arbeit dazu beitragen, die Bedingungen zu schaffen, die eine „Bemächtigung“ der Betroffenen fördern und es ihnen ermöglichen, ein eigenverantwortliches und selbstbestimmtes Leben zu führen.

 

Die Definition von Empowermentprozessen fällt normalerweise nicht leicht und läßt sich eher über das Gegenteil erschließen, da wir zu sehr an die Sprache der Hilfsbedürftigkeit, der Schwäche und der Defizite gewöhnt sind: Machtlosigkeit, erlernte Hilflosigkeit, Entfremdung oder Kontrollverlust über das eigene Leben sind Begriffe, die in der psychosozialen Arbeit sehr viel häufiger gebraucht werden als ihre positiven Gegenteile.

 

Dimensionen von Empowerment-Prozessen:

- es entwickelt sich ein positives und aktives Gefühl des „In-der-Welt-seins“;

- es entwickeln sich Fähigkeiten, Strategien und Ressourcen, um aktiv und gezielt individuelle und gemeinschaftliche Ziele zu erreichen;

- es wird Wissen und Können erworben, das zu einem kritischen Verständnis der sozialen und politischen Verhältnisse und der eigenen sozialen Umwelt führt.

 

Empowerment als Grundlage für ein Konzept und eine Praxis der Gesundheitsförderung hat weitreichende Konsequenzen für ein professionelles und freiwilliges Engagement im psychosozialen und Gesundheitsbereich, besonders im Bereich vorbeugender, präventiver Ansätze.

 

Empowermentprozesse wirken für die Betroffenen praktisch immer kompetenzfördernd, wenn Professionelle lernen, stärker als bisher die dafür fördernden Rahmenbedingungen zur Verfügung zu stellen oder zu entwickeln, sich selbst aber nicht oder nur sehr vorsichtig in den Prozess einmischen. Diese Haltung einer „Arbeit am und im sozialen Kontext“ bedeutet für Gesundheitsförderer, die Möglichkeiten zu verbessern, damit Betroffene ihre Interessen besser vertreten können - und nicht diese Interessen für die Betroffenen zu vertreten (Stark, 1998).

 

Salutogenese und Kohärenzgefühl

Entstehungszeit

Das Modell der Salutogenese ist in etwa zeitgleich mit gemeindepsychologischen Ansätzen, dem Konzept des Empowerment (Selbstbestimmung) und sozial-ökologischen Ansätzen formuliert worden. Der gesellschaftliche und wissenschaftliche Hintergrund ist geprägt von einer wachsenden kritischen Auseinandersetzung mit der Gesundheitsversorgung und der Gesundheits- und Krankheitsforschung. Das traditionelle System der Gesundheitsversorgung wurde als zu organ- und symptombezogen und als zu „mechanisch“ kritisiert. Es folgte eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Gesundheits- und Krankheitsbegriff, die verdeutlicht, dass Gesundheit und Krankheit sehr komplexe, nur schwer definierbare Phänomene sind.

 

Zielsetzung

Mit dem Modell der Salutogenese will Antonovsky eine Antwort auf die für ihn zentrale und leitende Fragestellung geben: Warum bleiben Menschen – trotz vieler potenziell gesundheitsgefährdender Einflüsse – gesund? Wie schaffen sie es, sich von Erkrankungen wieder zu erholen? Was ist das Besondere an Menschen, die trotz extremster Belastungen nicht krank werden?

 

Definition und Grundlagen

Der menschliche Organismus als System ist permanent (natürlichen) Einflüssen und Prozessen ausgesetzt, die eine Störung seiner Ordnung, d. h. seiner Gesundheit, bewirken. Gesundheit ist kein stabiler Gleichgewichtszustand, sondern muß in der Auseinandersetzung mit krank machenden Einflüssen kontinuierlich neu aufgebaut werden.

 

Das Konzept der Salutogenese basiert auf der Feststellung, dass Gesundheit und Krankheit keine einander ausschließenden Zustände, sondern die Extrempole auf einem Kontinuum sind. Dazwischen liegen Zustände von relativer Gesundheit und relativer Krankheit.

 

Die Suche nach spezifischen Krankheitsursachen (pathogenetischer Ansatz) muß nach Antonovsky durch die Suche nach gesundheitsfördernden bzw. gesund erhaltenden Faktoren (salutogenetischer Ansatz) ergänzt werden. Diese Faktoren werden von ihm „generalisierte Widerstandsressourcen“ genannt. Es gibt sowohl individuelle (z.B. körperliche Faktoren, Intelligenz, Bewältigungsstrategien) als auch soziale und kulturelle Widerstandsressourcen (z.B. soziale Unterstützung, finanzielle Möglichkeiten, kulturelle Stabilität). Somit steht der Mensch als Ganzes mit seiner Biografie im Mittelpunkt und nicht nur seine Erkrankung bzw. seine Symptome.

 

Über die Position auf dem Kontinuum entscheidet die Ausprägung des Kohärenzgefühls, vereinfacht gesehen das subjektive Empfinden von mehr oder weniger gesund oder krank (Kohärenz = Zusammenhang; Kohärenzprinzip = „Grundsatz von dem Zusammenhang alles Seienden“). Die wichtigste Einflussgröße auf das Kohärenzgefühl, ist der Ausgang der Bewertungs- und Bewältigungsreaktionen. Ein stark ausgeprägtes Kohärenzgefühl führt dazu, dass ein Mensch flexibel auf Anforderungen reagieren kann.

 

Je stärker das Kohärenzgefühl ausgeprägt ist, desto besser gelingt es der Person, gesund zu bleiben, weil es gelingt, auf spezifische Situationen angemessen zu reagieren. Es besteht aus drei Komponenten:

- dem Gefühl von Verstehbarkeit, (sense of comprehensibility): meint die Welt als geordnet und strukturiert wahrzunehmen und nicht als chaotisch, willkürlich, zufällig oder unerklärlich,

- dem Gefühl von Handhabbarkeit bzw. Bewältigbarkeit (sense of manageability): meint die Überzeugung, dass Schwierigkeiten lösbar sind, und dass man geeignete Ressourcen zur Verfügung hat, um den Anforderungen zu begegnen,

- dem Gefühl von Sinnhaftigkeit bzw. Bedeutsamkeit. (sense of meaningfulness): beschreibt das Ausmaß, in dem man das Leben als emotional sinnvoll empfindet und Probleme und Anforderungen für wert befunden werden, dass man Energie in sie investiert.

 

Abgrenzung zu anderen Konzepten

Antonovsky kritisiert die übliche, dichotome (zweigeteilte) Trennung in gesund oder krank, mit der die wissenschaftliche Medizin und das medizinische Versorgungssystem arbeiten. Dieser Trennung wird die Vorstellung eines Kontinuums mit den Polen Gesundheit / körperliches Wohlbefinden und Krankheit / körperliches Missempfinden (health ease/disease continuum) entgegengestellt.

 

Die beiden Pole, völlige Gesundheit oder völlige Krankheit, sind für lebende Organismen nicht zu erreichen. Auch wer sich überwiegend als gesund erlebt, hat kranke Anteile, und umgekehrt. Die Frage bezieht sich nicht mehr auf die Alternative gesund oder krank, sondern wie weit entfernt bzw. nahe der Zustand den Endpunkten Gesundheit und Krankheit ist.

 

Nutzung des Konzepts

Das Infragestellen des mechanisierten Krankheitsverständnisses und das Konzept der Salutogenese ermöglichten einen Perspektivenwechsel in der Prävention, der seinen Niederschlag in der Ottawa-Charta der WHO und im Ansatz der Gesundheitsförderung findet. Auch wenn in der Ottawa-Charta von 1986 der Begriff der Salutogenese bzw. des Kohärenzgefühls noch nicht vorkommt, wird die Stärkung des Kohärenzgefühls später als zentrales Anliegen der Gesundheitsförderung genannt, und das von Antonovsky formulierte positive Selbstbild der Handlungsfähigkeit als ein wesentliches Element von Gesundheit betrachtet.

 

Zentrale Anwendungsfelder sind:

- Gesundheitsförderung und Prävention;

- Rehabilitation;

Psychosomatik und Psychotherapie.

 

2.2 Entwicklung des Präventionsgedankens in der IP

Alfred Adler richtete sich mit seiner Theorie und den sich ergebenden praktischen Methoden an Erzieher, Lehrer. Er versuchte Lehrer für die Individualpsychologie zu gewinnen da er sich von deren Anwendung in Schulen und Beratungsstellung eine verbreitete prophylaktische Wirkung auf psychische Störungen und Konflikte versprach und dies besonders bei Kindern und Jugendlichen.

 

In der Zeit um 1895 fühlte sich Alfred Adler zu der sozialistischen Bewegung hingezogen, da sie für Werte, wie ökonomische Gerechtigkeit und Sorge um die Benachteiligten, unter gleichzeitiger Betonung von Rationalität und Fortschritt eintrat. Er sah in ihr die Möglichkeit, seine idealistischen Ambitionen zu verwirklichen, der Menschheit durch ärztliche Tätigkeit zu helfen.

 

Adlers Patienten waren nicht wohlhabend; das hatte für ihn wenig Bedeutung, da er keine Reichtümer anhäufen wollte, sondern er wollte als Arzt Einfluss auf die Außenwelt nehmen. Er hatte eine buntgemischte Klientel. Um seinen Patienten besser helfen zu können, interessierte er sich verstärkt für die Zusammenhänge zwischen Körper und Seele. Er setzte sich intensiv mit Themen auseinander, die er später unter den Begriffen von Organminderwertigkeit und Organdialektik in Theorie fasste.

 

Adler legte mit 28 Jahren seine erste Fachveröffentlichung vor: “Gesundheitsbuch für das Schneidergewerbe” – eine 31-seitige Monographie, in einer Reihe von Ratgebern zur Verhütung von Gewerbekrankheiten und Betriebsunfällen. Diese Heftchen wurden unter dem Motto “Eine Gefahr erkennen, ist der erste Schritt in Richtung Vorbeugung!” veröffentlicht.

 

Adler wollte mit dieser Arbeit auf “den Zusammenhang zwischen ökonomischen Bedingungen, sowie die Gefahr eines niedrigen Lebensstandards für das öffentliche Gesundheitswesen” hinweisen (Hoffmann, 1997. S. 55).

 

Im ersten Teil der Monographie zeichnete Adler ein düsteres Bild der spezifischen Arbeitsbedingungen der Schneider – feucht, dunkel, ohne frische Luft und überfüllt – ideale Rahmenbedigungen für die zügellose Ausbreitung von Krankheitserregern. Der emotionale Druck untergrub die Gesundheit der Schneider zusätzlich. Chronische Unterernährung, schlechte Wohnverhältnisse, Überarbeitung, Mangel an staatlicher Absicherung waren maßgebend für die hohe Sterblichkeitsrate beim Schneiderberuf verantwortlich.

 

Im letzten Teil gab Adler Empfehlungen zur Aufhebung der Situation. Er sah sofortigen Handlungsbedarf in Bezug auf eine neue Arbeitsgesetzgebung und formulierte für die damalige Zeit sehr moderne Besserungsvorschläge: konsequente Durchsetzung bestehender Vorschriften, Unfallversicherung für Kleinbetriebe, Pflichtversicherungen für Ruhestand und Arbeitslosigkeit, Festlegung einer maximalen Wochenarbeitszeit, Trennung zwischen Wohnbereich und Werkstatt…. In dieser Arbeit wandte Adler zum ersten Mal eine Methode an, die in seinen weiteren Werken immer wiederkehrte: Verbindung von schriftlichen Ausführungen mit einem klaren Handlungsbedarf.

 

Mit dem deutlichen Hervorheben der sozial engagierten, reformatorischen Funktion des Arztes wandte Adler sich gegen den therapeutischen Nihilismus der damalig etablierten zeitgenössischen Schulmedizin, die die real existierenden, sozial verursachten Krankheiten ignorierte. Adler war der Auffassung, dass diese Krankheitsbilder nur “…durch eine sozial orientierte Medizin bekämpft werden können, von der die gegenwärtige Medizin noch keine Ahnung hat” (Hoffmann, 1997. S. 57). Adler empfahl die Einführung von Gesundheitsinspektoren; des weiteren sollten Ärzte dazu motiviert werden, öffentliche Informationsversammlungen abzuhalten, um für eine notwendige Aufklärung über Risikofaktoren zu sorgen.

 

Im Jahre 1902 veröffentlichte Adler zwei Artikel in der “Ärztlichen Standeszeitung”. In der Erstausgabe schrieb er einen Leitartikel über “Das Eindringen sozialer Triebkräfte in die Medizin”. Hier appellierte er an seine Kollegen, sich stärker der Sozialmedizin, und insbesondere der Prophylaxe, bzw. der Prävention von Krankheiten zu verpflichten. In der Prävention sah er “das wertvollste Ergebnis der wissenschaftlichen Medizin zum Wohle der Menschen.”

 

Adler erklärte, “Nur dann wird die Menschheit fortschreiten […] aus der Zeit der zögernden, schwierigen und oft hoffnungslosen Therapie in die Zeit der siegesgewissen Prophylaxe, aus der Zeit der Ohnmacht oder rastlosen Medizin in die Zeit des selbstgewissen Handelns.” (Hoffmann, 1997. S.60).  Er hob Rudolf Virchow als leuchtendes Vorbild für sozial engagierte Ärzte hervor und die Tätigkeit dieses Mannes sollte Adler sein Leben lang inspirieren.

 

In dem zweiten Artikel, mit dem Titel “Eine Lehrkanzel für soziale Medizin”, schlug Adler nun konkret vor, einen Lehrstuhl und ein Seminar an der Universität einzurichten, dessen Aufgabenbereich die Verbesserung der öffentlichen Hygiene sei. Er wünschte sich hierfür eine interdisziplinäre Kooperation zwischen Wirtschaftswissenschaftlern, Soziologen und Fachkräften des Erziehungswesens damit "endlich eine Konsolidierung des Systems erfolgt, und das gegenwärtige Durcheinander unseres Gesundheitswesens ersetzt. Und das dort entzündete Licht der Aufklärung würde nicht nur das Licht in das Dunkel der Köpfe, sondern auch in das der Herzen bringen; nicht allein bei allen Hörern der Vorlesungen, sondern generell bei allen Menschen. Zehn Jahre öffentlicher Gesundheitsschulung, und die Befreiung der Hygiene aus den Fesseln der Politik und der stümperhaften Verwertung – und dann werden wir in der Lage sein, über Massenepidemien zu diskutieren!” (Hoffmann, 1997. S.61)

 

In diesem Artikel ließ Adler einen Schwerpunkt seiner späteren Arbeit durchblicken, nämlich den der Erziehung. In ihr sah er den Dreh- und Angelpunkt zur sozialen Verbesserung; er legte in den folgenden Jahrzehnten sehr viel Wert auf die Schulung von Ärzten und Lehrern, die emotionalen Bedürfnisse der kindlichen Erlebniswelt besser zu verstehen. Adler wollte die Gesellschaft reformieren mittels einer Intensivierung der Präventivmedizin.

 

Im Jahre 1904 veröffentlichte Adler einen heute noch bedeutenden Artikel, “Der Arzt als Erzieher”, in dem er die vorrangige Bedeutung der Prävention aufs deutlichste unterstreicht: “Nicht kranke Kinder zu behandeln und zu heilen, sondern gesunde Kinder vor Krankheit beschützen, ist die logische und vorrangige Herausforderung der medizinischen Wissenschaft.” (Hoffmann, 1997. S. 72). Adler schlug in diesem Artikel zum ersten Mal explizit vor, dass der Arzt Erzieherfunktionen wahrnimmt, indem er Eltern und Lehrern dabei hilft, emotionale Konflikte zu vermeiden. Er gab Empfehlungen für das Heranziehen gesunder Kinder:

 

1.      Die Liebe des Kindes als Garant für Erziehbarkeit;

2.      Selbstvertrauen des Kindes, « Vertrauen in seine eigene Kraft »;

3.      Zusammenhang zwischen Verwöhnung, Überbehütung, Kränklichkeit und niedrigem Selbstvertrauen;

4.      Vermeiden von Einschüchterung und Angst;

5.      Lob und Anerkennung werden Strafen vorgezogen;

6.      Freiheit zur Entscheidung anstelle von blindem Gehorsam.

 

“Der Arzt als Erzieher” war Adlers erste Publikation, in der Kinder und ihre psychologische Entwicklung Schwerpunktthemen sind. Der Begründer der IP hatte demnach früh erkannt, dass eine gewaltfreie (Adler forderte die Abschaffung der Prügelstrafe und aller anderen Formen von Gewaltanwendung gegenüber Kindern) und ermutigende Erziehung am Besten gegen seelische Störungen vorbeugen können.

 

Während den Kriegsjahren, ging Adler unterschiedlichen Tätigkeiten nach; unter anderem wirkte er als Militärarzt, wo seine Aufgabe darin bestand, sich um Soldaten mit “Kriegsneurosen” zu kümmern. Adler fühlte sich persönlich verantwortlich, für den Ausleseprozess, durch den er seine Patienten erneut der potentiellen Todesgefahr aussetzen musste. Solche quälenden Entscheidungen standen im Widerspruch zu seiner idealistischen Grundeinstellung und zu zwei Jahrzehnten Arbeit als Arzt, die den Schutz und die Sicherung von menschlichem Leben zum Ziel hatten.

 

Adler hatte sich in den Kriegsjahren gedanklich viel mit den psychologischen Ursachen des Krieges auseinandergesetzt und war bereit neue Theorien zu formulieren, Theorien in denen dem sozialen Gefühl (Gemeinschaftsgefühl) einen grossen Stellenwert beigemessen wurde. Er war überzeugt davon, dass Werte wie Mitleid, Altruismus psychologische Wurzeln hatten, und dass viele Menschen nicht über diese Werte verfügen konnten, da sie sich minderwertig und unzulänglich fühlten.

 

Adler sah den emotional gesunden Menschen als Wesen, das über ein starkes soziales Gefühl verfügt und darüber hinaus dieses auch bei seinen Mitmenschen fördern kann. Wenn Frauen und Männer, und insbesondere Kinder – die ihr Leben noch vor sich haben – ihr Minderwertigkeitsgefühl überwinden könnten, so wäre das der Grundstein zur Konstruktion einer friedlicheren Welt. Die idealistische Grundhaltung mit dem Wunsch, eine bessere Gesellschaft für die Zukunft aufzubauen – auch hier spiegelt sich der Präventionsgedanke auf einer philosophischen Ebene wieder.

 

Vor dem Zerfall des österreichisch-ungarischen Reiches formulierte Adler im November 1917 eine Rede über Individualpsychologische Erziehung in der er seine Berufskollegen ermutigte: “Die Ärzte müssen dereinst die Erzieher des Menschengeschlechts werden”. Er betonte die Notwendigkeit, die jungen Leute auszubilden: “ …. Zu sittlich handelnden Menschen, Förderung ihrer Eigenschaften zum Nutzen der Allgemeinheit….”. (Hoffmann, 1997. S. 135). Neben Eltern und Erziehern, welche ebenfalls an diesem Prozess beteiligt seien, hob Adler die besondere Stellung der Ärzte wegen ihrer Fachkenntnis über die Persönlichkeit und die psychische Entwicklung hervor.

 

Adler betonte, dass schädliche Einflüsse im sozial-emotionalen Umfeld des Kindes oftmals emotionale Probleme im Erwachsenenalter verursachen könnten: “Es ist eine ausserordentlich missliche Sache, jedem Missratenen, mit einer nervösen Krankheit oder Psychose behafteten Menschen nachzulaufen, um ihn zu bessern, zu heilen. Darin liegt eine ungeheure Verschwendung von Energie, und es wäre schon an der Zeit, dass wir uns mehr der Prophylaxe zuwenden.” (Hoffmann, 1997. S. 135). Und mit « Prophylaxe » verstand Adler in diesem Zusammenhang, die Anwendung der individualpsychologischen Menschenkenntnis in der Erziehungskunst!

 

Im Jahre 1920 forderte Adler neben anderen Erziehungsreformen die Einführung neuer Universitätslehrgänge zur Lehrerausbildung und zur “Heilpädagogik”. Über diesen Weg wollte er erreichen, dass die besten Methoden der Behandlung und Vorbeugung jugendlicher Fehlanpassung (Jugendkriminalität) verbreitet würden. In seinen Reden formulierte er mitreißende Appelle zur gesellschaftlichen Veränderung: “Denn Verwahrlosung und Verbrechen sind Produkte des Kampfes ums Dasein, wie er in unserem wirtschaftlichen Leben geführt wird. Zur Eindämmung und Beseitigung der Verwahrlosung wäre eine Lehrkanzel für Heilpädagogik notwendig”. (Hoffmann, 1997. S. 148)

 

Adler begann formlos mehrere “Kliniken” für Erziehungsberatung ins Leben zu rufen. Es war schon eine bahnbrechende Pionierleistung, als er in Laienkreisen, zu denen Eltern und Lehrer gehörten, seine Konzepte zur geistig-seelischen Gesundheit von Kindern publik und verständlich machte. Auch heute noch wird Adlers Name oftmals mit Erziehungsfragen in Verbindung gebracht: er war überzeugt davon, dass pädagogische Reformen, langfristig gesehen, das zuverlässigste Mittel zu einer besseren Welt darstellten “sub specie aeternitatis!

 

In den neuen Elternvereinen, hielten Adler und seine Kollegen monatliche Vorlesungen über Erziehungsberatung. Es wurden “Behandlungsteams” eingesetzt, in denen “schwierige Fälle” mit allen Beteiligten zusammen, nach einem bestimmten Modus besprochen und behandelt wurden (Lehrer, individualpsychologisch fachkundige Psychiater, Psychologen, Eltern, betroffenes Kind oder Jugendlicher). In diesen Jahren wurden auch konkrete Klassenzimmer-Aktivitäten mit Kindern durchgeführt, in denen versucht wurde, entmutigten Kindern die Möglichkeit zu geben, ihre Energie auf der Seite des Nutzbringenden zu testen.

 

Adlers Erziehungsmotto “Jeder kann alles lernen” scheint auf den ersten Blick naiv und simplistisch, zielte aber vorwiegend darauf ab dem Erziehenden die Motivation zu erhalten und nicht vorschnell bei einem “schwierigen Fall” zu resignieren.

 

Im Jahre 1917 bot Adler im Wiener VOLKSHEIM den ersten seiner vielen Psychologielehrgänge an. Diese Kurse richteten sich an und für sich an die Massen der Arbeiterklasse, wurden aber im Falle der “adlerianischen Psychologie-Vorlesungen” von sehr vielen Studenten besucht, von Menschen, die sich von den Zwängen ihrer eigenen bürgerlich viktorianischen Erziehung “befreien” wollten und die durch soziale Aktivitäten (Erziehung, Sozialarbeit, Medizin) zum Aufbau einer besseren Gesellschaft beitragen wollten. Durch diese Kurse wurde das individual-psychologische Wissen weitergereicht an Menschen, welche an der Erziehung der kommenden Generationen beteiligt waren; sie waren aber auch eine Form der Erwachsenenbildung und Persönlichkeitsarbeit mit vorbeugendem Schutzfaktor für zukünftige emotionale Konflikte.

 

“Das Kennwort der Individualpsychologie ist der Mitmensch, die mitmenschliche Einstellung gegenüber den immanenten Bedürfnissen der menschlichen Gesellschaft.” (Hoffmann, 1997. S. 157). Adler setzte die Förderung der sozial-emotionalen Kompetenzen in den Vordergrund. Das “Gemeinschaftsgefühl” wurde zum Dreh- und Angelpunkt für seelische Gesundheit. Daneben richtete Adler seinen Blick auf die Bewältigung der drei Lebensaufgaben:

 

1.      soziale Beziehungen und Kooperation;

2.      Beruf;

3.      Liebe, Erotik und Sexualität.

 

Für die Lösung dieser drei Lebensaufgaben brauchte es gewisser Kompetenzen, eine Art sozialer Intelligenz, die Adler mit den Begriffen Gemeinschaftsgefühl oder Gemeinsinn beschrieb. Gelang es dem Menschen, in diesen Bereichen eine gewisse Selbstwirksamkeit (“Eigenmachtgefühl” nach Adler) zu spüren, so wirkte sich das positiv auf sein Selbstwertgefühl aus. Die Förderung dieser Fertigkeiten, dieser sozialen Kompetenzen, wurde für Adler zu einer Priorität in seinen Aktivitäten bezüglich der Gesundheitsförderung.

 

Schwerpunkt in der Individualpsychologischen Praxis war, wie schon mehrmals angeschnitten, die Erziehungsberatung. Die Gedanken der Individualpsychologie (IP) wurden von vielen Lehrern im regulären Unterricht oder in Versuchsklassen praktisch umgesetzt. Im Jahre 1931 konnte eine individualpsychologische Versuchsschule eröffnet werden (Brunner & Titze, 1995. S. 197). Die IP beherrschte zu der Zeit auch die psychologische Literatur in den Volksbüchereien. Sie hinterließ im Volksbildungswesen deutlich ihre Spuren durch populäre Schriften, durch Vorträge und Kurse über Psychologie: das individualpsychologische Wissen wurde einer breiten Masse zugänglich. Unter der Leitung von Individualpsychologen entstanden Erziehungsheime, Ambulanzen für Neurosenthetapie. Schließlich richtete Sofie Lazarsfeld 1925 eine Ehe- und Sexualberatungsstelle ein, aus der verschiedene Publikationen zur Frauenfrage und Sexualität hervorgingen.

 

Entscheidend für Adlers Erfolg ist seine Konzentration auf praktische Pädagogik. Dazu gehören aber auch das prinzipiell prophylaktische Interesse der Individualpsychologie, die Betonung der Eigenverantwortlichkeit des Individuums, die Gleichwertigkeit der Geschlechter sowie die Ausrichtung auf Gemeinschaft und Gemeinschaftserziehung

 

Schließen wir diesen kleinen Exkurs über den Präventionsgedanken in der IP mit einem kleinen Zitat ihres Begründers:

 

“Ein Gramm Vorbeugung wiegt ein Pfund Heilung auf”

 

2.3 Was hält uns gesund?

Voraussetzung ist die Erfüllung der von der WHO definierten Grundbedingungen für gesundes Leben, die nur indirekt und langfristig beeinflussbar sind wie zum Beispiel der Zugang zu Ressourcen (z.B. Bildung), gerechte Verteilung der Güter und Freiheit von Kriegsangst. Sowie – ganz im individualpsychologischen Sinne – die Anerkennung der Gleichwertigkeit aller Menschen.

 

Darüber hinaus können die Bedingungsfaktoren für Gesundheit (habituelles Wohlbefinden, Glück als Einssein mit sich und der Welt, umfassende Lebenszufriedenheit) danach unterschieden werden, ob sie eher personenorientiert innerpsychische Faktoren (z.B. Charakter, Denkstile) oder eher umweltbezogen die Verhältnisse in den verschiedenen sozialen und die persönliche Lebensumwelt sowie soziodemographische Daten betreffen.

 

personenzentrierte Ansätze innerpsychische Faktoren. (z.B. Denkstile, Charaktereigenschaften, Attributionsstil)

umweltbezogene Faktoren räumliche und soziale Lebensumwelt (z.B. Arbeit, Partnerschaft, Freizeit)

soziodemographische Faktoren                        Geschlecht, Alter, Bildungsniveau.

 

Es gibt mehrere Hinweise darauf, dass stabile Persönlichkeitseigenschaften einen stärkeren Einfluss auf das subjektive Wohlbefinden ausüben als Umgebungseinflüsse. Zu den fünf wichtigsten untersuchten Merkmalen zufriedener Menschen gehören ein hohes Selbstwertgefühl, das Gefühl persönlicher Kontrolle, Extraversion, niederer Neurotizismus und hoher Optimismus.


 

Personenbezogene Faktoren des Wohlbefindens

Die personenbezogene Sicht auf das subjektive Wohlbefinden in der Psychologie hat folgende Faktoren herauskristallisiert, die der Zufriedenheit mit dem eigenen Leben förderlich sind:

- ein hohes Selbstwertgefühl;

- eine hohes Gefühl der persönlichen Kontrolle;

- hohe Extraversion und Geselligkeit;

- gut entwickelte soziale Kompetenzen;

- eine optimistische Sichtweise auf das Leben;

- das Gefühl körperlicher Gesundheit;

- ein hohes Aktivitätsniveau und viel Energie;

- eine religiös-spirituelle Einstellung.

 

Hinsichtlich des Denkens erweist sich für ein gutes Befinden als wichtig,

- sich nicht unnötig Sorgen zu machen (geringer Neurotizismus);

- sich nicht an denjenigen zu orientieren, denen es besser geht, sondern eher an denjenigen, denen es gleich gut oder schlechter geht, und

- das persönliche Anspruchsniveau im Hinblick auf Ziele und Leistungen nicht zu hoch, sondern in einem erreichbaren realistischen Bereich anzusetzen.

 

Motivationale Theorien betonen die Bedeutung der inneren Ausgeglichenheit und Konsistenz zwischen den verschiedenen Bedürfnissen im Leben eines Menschen (...das wollen, was ich haben kann..!), die Erkenntnis eines Sinns im Leben und dessen schöpferischer Umsetzung, die fortlaufende Erweiterung und Entwicklung der Persönlichkeit hin zu einer umfassenderen und echteren Verwirklichung der eigenen Potenziale („Individuation“ bei C.G. Jung; Selbstverwirklichung bei Maslow und Rogers) und ganz allgemein die Befriedigung der grundliegenden, der tiefsten, auf den „Kern“ der Person bezogenen Bedürfnisse.

 

Autoren wie Allport, Frankl und Klinger betonen eher Sinnfindungsaspekte des Glücks. Danach ist das primäre Ziel des Menschen nicht Glück, sondern Sinn. Glück stellt sich quasi als Nebenprodukt ein beim Erfüllen selbst gewählter Aufgaben.

 

Grawe hat auf der Grundlage von vier Grundbedürfnissen (Orientierung und Kontrolle, Lustgewinn und Unlustvermeidung, Bindung, Selbstwerterhöhung) eine psychotherapeutische Veränderungstheorie entworfen, in welcher Glück und Wohlbefinden als Ergebnisse eines harmonischen Ausgleichs zwischen den verschiedenen Grundbedürfnissen aufgefasst werden. Die psychischen Prozesse sind nach Grawe „darauf ausgerichtet, die Grundbedürfnisse eines Menschen gleichzeitig möglichst gut zu befriedigen (...) Seelisch sehr gesunde, glückliche Menschen unterschieden sich von anderen nicht nur dadurch, dass sie in ihren Grundbedürfnissen wenig verletzt wurden (....), sie zeichnen sich auch dadurch aus, dass sie ihre Bedürfnisse in Übereinstimmung miteinander (...) befriedigen können.“ (Grawe, 1998. S. 421)

 

Umweltbezogene und soziale Faktoren der Lebenszufriedenheit

Unter diesem Aspekt sind folgende Faktoren für das menschliche Wohlbefinden förderlich:

- eine vertrauensvolle Leibesbeziehung;

- Familienmitglieder, Freunde und Verwandte, denen gegenüber man sich öffnen kann;

- Zufriedenheit mit dem Beruf, den Arbeitsbedingungen und dem Einkommen;

- Sinnvolle Freizeittätigkeiten und ehrenamtliche Arbeit; in einem Staat wohnen, in dem politische Freiheit, wirtschaftliche Prosperität und Frieden im Inneren und gen Außen herrschen;

- in einer liebevollen und stabilen Familien aufwachsen können.

 

Wegen der unter individualpsychologischer Perspektive maßgeblichen Bedeutung von sozialer Zuwendung und Nähe sollen hier in Anlehnung an Schwarzer und Leppin noch einmal fünf Formen des sozialen Rückhalts unterschieden werden:

1.     emotionale Unterstützung, z.B. das Äußern von Wertschätzung und Sympathie, das Trostspenden in Problemsituationen;

2.     Zusammensein, positiver sozialer Kontakt, z.B. gemeinsame Aktivitäten wie Sport, Kino, Theater, Feste, Essen... aber auch die bloße Anwesenheit von vertrauten und geliebten Personen;

3.     instrumentelle Unterstützung, d.h. verschiedene Formen konkreter Hilfe bei der Lebensbewältigung, wie z.B. Geld leihen, beim Umzug helfen, im Krankheitsfalle zur Verfügung stehen.... Geschenke erteilen…;

4.     informelle Unterstützung; d.h. Hinweise oder Ratschläge, die einer Person bei der Lösung eines Problems nützlich sind.

5.     Bewertungs- oder Einschätzungsunterstützung als Spezialfall informativer Hilfe, d.h. Informationen erteilen, die einer Person dabei helfen, sich selbst, die eigenen Fähigkeiten, Interesse und Bedürfnisse realistischer zu beurteilen.

 

Interessanterweise hängen einige kulturell hoch geschätzte Ressourcen (z.B. jung sein, reich sein, intelligent sind, schön sein, gesund sein) nur mäßig oder gering mit dem subjektiven Wohlbefinden zusammen, was die Annahme fraglich erscheinen lässt, dass Lebenszufriedenheit vom Erreichen kulturell hoch geschätzter Güter abhängt. (Dick 2003. S. 84)

 

Demographische Variablen

Demographische Faktoren vermögen insgesamt nur 10 bis 15% der Unterschiede im subjektiven Wohlbefinden zwischen den befragten Personen zu erklären und sind somit weit weniger wichtig als die oben genannten Faktoren.

 

Geschlecht: es zeigte sich, dass Männer und Frauen etwa gleich glücklich sind. In westlichen Studien fand sich außerdem, dass junge Frauen glücklicher sind als junge Männer und ältere Männer glücklicher als ältere Frauen. Das könnte aber durch die Unterschiede im Zivilstand bedingt sein. Obwohl Frauen über häufigere negative Gefühle berichten als Männer, scheinen sie auch größere Freuden zu erleben, so dass insgesamt ein Ausgleich stattfindet.

 

Alter: Jüngere Leute erleben im Durchschnitt ein höheres Maß an positiven und negativen Gefühlen. Dagegen berichten ältere Menschen über eine höhere Lebenszufriedenheit. Es finden sich auch keine Unterschiede in den Depressions-, Suizid-, Scheidungs- und Arbeitsplatzverlustraten in den verschiedenen Altersgruppen, was das Auftreten einer midlife crisis in den vierziger Jahren in Frage stellt.

 

Minderheitenstatus: Wenn sie gegenüber Weißen in der Minderheit sind, erweisen sich Schwarze als durchschnittlich unglücklicher. Entgegen den Erwartungen führte die Emanzipation der Schwarzen in den USA sogar noch zu einer Verschlechterung der Lebenszufriedenheit gegenüber den Weißen. Immigranten und Homosexuelle in den USA  sehen sich selbst auch als unglücklicher in Bezug auf den Durchschnitt der Bevölkerung.

 

Aus individualpsychologischer Perspektive möchten wir nun beispielhaft neben dem Konstrukt des „Gemeinschaftsgefühls“ die drei Lebensaufgaben (a) Arbeit, Beschäftigung, (b) Liebe und Partnerschaft und (c) soziale Interesse und Engagement in ihrem Zusammenhang mit dem subjektiven Wohlbefinden diskutieren.

 

2.4 Psycho-soziale Faktoren

Dieses Zitat hätte auch von Alfred Adler stammen können. Denn im Laufe seiner theoretischen Entwicklung ist Alfred Adler, der Begründer der Individualpsychologie, zum Standpunkt gelangt, „den Menschen als ein Gemeinschaftswesen zu betrachten“. Zu seinem Verständnis von seelischer Gesundheit gehörte das Erlebnis des Bewältigens der so genannten Lebensaufgaben. Als soziales Wesen braucht der Mensch eine Art soziale Intelligenz, um die Lebensaufgaben zu lösen. In der IP werden drei wichtige Lebensaufgaben unterschieden:

1.     die sozialen Beziehungen und die Kooperation mit anderen Menschen

2.     der Beruf (Schule, Fortbildung eingeschlossen)

3.     der Umgang mit Liebe, Erotik, Sexualität.

 

Diese Lebensaufgaben werden nun als psycho-soziale Faktoren im Leben der Menschen gründlich beschrieben. Wir haben auch die Faktoren emotionale Kompetenzen und Humor hinzugefügt, da diese nicht nur wichtige Konzepte in der IP sind, sondern auch von großer Wichtigkeit in unserem Kurs sind. Wir erläutern diese Faktoren anhand der allgemeinen Theorie, der empirischen Forschung und der Adlerianischen Sichtweisen.

 

2.4.1 Gemeinschaft – Soziales Netz - Beziehungsfähigkeit

Zuerst wollen wir uns näher mit den Begriffen Gemeinschaft und soziales Netz beschäftigen. Unter Gemeinschaft versteht man die zu einer Einheit zusammengefassten Individuen (Gruppe), wenn die Gruppe emotionale Bindekräfte aufweist und ein Zusammengehörigkeitsgefühl (Wir-Gefühl) vorhanden ist. Häufig wird das Wort auch benutzt, wenn emotionalen Bindekräfte entstehen sollen (z.B. Europäische Gemeinschaft).

 

Die kleinste Gemeinschaft ist die Familie ungeachtet ihres rechtlichen Rahmens. An ihr wird deutlich, dass Gemeinschaften aufgrund freier Willensentscheidung entstehen können (bspw. bei Ehepartnern). Andererseits kann man ohne freie Willensentscheidung in eine Gemeinschaft hineingeboren werden (Kinder). Die Freiheit, aus einer Gemeinschaft auszutreten, kann unterschiedlich klein oder groß sein. Gelegentlich wird der Austritt aus der Gemeinschaft moralisch diskreditiert.
Kriterien für Gemeinschaften sind:

- klare Festlegung der Zugehörigkeit und damit Abgrenzung zum “Rest der Welt”

- Solidarität der Gemeinschaftsangehörigen untereinander (Primat des Gemeinschaftsinteresses vor dem Individualinteresse)

- Emotionale Bindungskräfte (Wir-Gefühl)

- Nicht nur kurzzeitige Existenz der Gemeinschaft

- Vertrautheit der Gemeinschaftsangehörigen

 

Grundsätzlich drücken Gemeinschaften mehr Zusammengehörigkeitsgefühl aus als Gesellschaften. Die Gemeinschaft ist auch der Rahmen, in dem unsere sozialen Beziehungen ablaufen.

 

Diese sozialen Beziehungen werden auch noch als soziales Netzwerk bezeichnet. Darunter verstehen wir ein Muster sozialer Beziehungen, in das eine Person eingebunden ist. In der Regel umfassen soziale Netzwerke noch lebende Personen, sie können aber ebenso transzendentale Wesen (z.B. Gott) oder bereits verstorbene Personen enthalten.

 

Generell gesehen unterscheiden wir beim sozialen Netzwerk zwischen strukturellen und funktionalen Aspekten. Zu den strukturellen Merkmalen gehören die Anzahl der Mitglieder, die Häufigkeit der Kontakte untereinander, die Dauerhaftigkeit, die Homogenität der Beziehungen innerhalb des Netzwerkes. Daneben definiert das Netzwerk sich durch funktionale Merkmale, wozu alle Aspekte zählen, die dem Menschen soziale Unterstützung bieten, wie

- Emotionale Unterstützung: gemeinsames Erleben von positiven Gefühlen, von Nähe und Vertrauen, akzeptieren auch von unangenehmen oder sozial unerwünschten Gefühlen, Trost spenden, ermutigen, “zu jemandem halten”; Selbstwert stärken, Körperkontakt;

- Instrumentelle Unterstützung: Hilfe beim Problemlösen, Informationen, Rückmeldung geben;

- Praktisch, materielle Unterstützung: Dinge oder Geld ausleihen, praktische Hilfe im Alltag;

- Geistige Unterstützung: Lebensvorstellungen, Werte Normen, politische Anschauungen teilen.

 

Mit den hier aufgelisteten Definitionen als Hintergrund, wollen wir uns der Frage zuwenden, inwiefern soziale Beziehungen einen Einfluss auf unser persönliches Wohlbefinden haben.

 

Wir können zwischen horizontalen und vertikalen Beziehungsmustern unterscheiden. Während das vertikale Feld, das Verhältnis zu jenen die älter und jünger sind als wir, oft von einem Machtgefälle geprägt ist, erleichtert Gleichaltrigkeit die Entstehung von Solidarität. Wir wollen im Folgenden näher betrachten, welche Vorteile sich aus den horizontalen Beziehungsmustern für unser psychisches Wohlbefinden ergeben können. Etwas später gehen wir anhand der Eltern-Kind-Beziehung auch auf das vertikale Beziehungsmuster ein.

 

“Allein machen sie dich ein” – Horizontalität (= gemeinsame Lebensgestaltung einer Gruppe von Gleichaltrigen) kann uns beim Umgang mit Ohnmacht- und Insuffizienzgefühlen helfen. Das Leben ist mitunter wie ein langer meist unruhiger Fluss; es kann sich uns wie ein gefährlicher Strom mit Sandbänken, Klippen und Stromschnellen zeigen – mehrere Menschen in einem gemeinsamen Boot meistern solche Gefahren besser als ein Einzelkämpfer.

 

Die Schweizer Soziologin  Katharina Ley drückt die Wichtigkeit der “Horizontale” mit folgenden Worten aus: “Stimmen der Horizontale lassen an Gespräche denken, an ein Erzählen, Fragen und Zweifeln und Nachfragen, und Antworten, an ein Reden und Zuhören in einer Atmosphäre, die Lust und Neugier bereitet, dabei zu sein, wo alle Anwesenden auf der “Horizontale” präsent sind, vielleicht im Kreis, am selben  Tisch, im selben Boot, gleichwertig und gleichberechtigt und doch unterscheidbar, unterschiedlich”.                         (Psychologie Heute Dez. 2000)

 

Hier finden wir auch sehr passend die beiden Strebungen, welche aus individualpsychologischer Sicht im Menschen drin sind, erwähnt: sich abheben  und trotzdem zur Gruppe dazugehören wollen. 

 

Die Einbindung in eine Gruppe (möglichst eine, in der das Machtgefälle nicht im Zentrum des Selbstverständnisses steht) wirkt der Verschärfung von neutralem Stress in gesundheitsschädlichen Distress entgegen. Ein differenziertes horizontales Beziehungsfeld und die Fähigkeit, sich flexibel in diesem Feld zu bewegen, sind wertvolle Widerstandsressourcen, ganz im Sinne des Salutogenesekonzeptes vom amerikanisch-israelischen Gesundheitsforscher, Aaron Antonovsky.

 

Im Modell der Salutogenese (“das, was uns gesund macht”) spielt das Kohärenzgefühl eine wichtige Rolle. Mit Kohärenzgefühl sind ein Grundgefühl und zugleich eine Wahrnehmungsweise der Welt gemeint, dass wir das, was um uns herum geschieht, ausreichend verstehen und beeinflussen können. Wir sind nicht hilflos, sondern verfügen über innere und äußere Hilfsquellen – auch in Form der Unterstützung durch Angehörige, Freunde, Nachbarn, - mit denen wir Schwierigkeiten meistern können. Das Kohärenzgefühl bestimmt, ob wir bei seelischer und körperlicher Belastung gesund bleiben, bzw. bei Erkrankung, wie schnell wir wieder gesund werden.

 

Eckhart Schiffer, der sich auf Antonovsky’s Modell der Salutogenese beruft, unterstreicht die Wichtigkeit von Kommunikation, der dialogischen Beziehung: “Nur diese, erweist sich auf Dauer als gesundheitsförderliche Ressource im Unterschied zur bloßen Ablenkung oder Betäubung (….) Der Dialog wird zum Umschlagsort von Ressourcen. Wir fühlen uns verstanden, nicht allein, weniger ohnmächtig und geängstigt, weniger gestresst. Der Dialog hilft uns gesund zu bleiben oder schneller gesund zu werden” (Schiffer; 2001).

 

Die Salutogenese sieht in einer aktiven, optimistischen, in Gemeinschaftlichkeit abgesicherte Lebenshaltung also einen wesentlichen “Gesundheitsfaktor”. Dem gegenüber finden wir in unserer Gesellschaft jedoch starke Tendenzen zur Individualisierung auf Kosten einer Gemeinschaftlichkeit die im Begriff ist, sich mehr und mehr aufzulösen. Jeder Hinweis auf Abhängigkeit scheint verdächtig. Die Beziehungen werden jeden Tag neu ausgehandelt. Das schafft uns zwar Freiräume, die ihren eigenen Reiz haben, der Preis, den wir hierfür bezahlen müssen ist jedoch hoch: man lebt zum Teil in einer dauernden Ungewissheit, Unverbindlichkeit und man kann sich nur in diese Kontaktwelt hineinwagen, wenn man gut drauf ist. Fortlaufende Isolierung kann zum Dauerstress werden, der wiederum bewirkt, dass das Individuum sich belastet fühlt und sich zurückzieht. Die Person riskiert in einen Teufelskreis zu geraten.

 

Der Mensch ist aber nun mal ein Wesen, das in ein Netz vielfältigster ökologischer Beziehungen eingewoben ist; eine Unmenge von Austauschvorgängen verbindet es mit seiner Umwelt. Es ist auch eine Sache der kognitiven Verarbeitung durch das Individuum selbst, ob es diese Verbindungen mit der Umwelt als Abhängigkeit oder als Bindung, im besten Fall als Einbindung deutet und dementsprechende emotionale Reaktionen hat. Bindung können wir genießen lernen ebenso, wie wir lernen können, sie zu gestalten. Aus dieser  aktiven Einflussnahme auf Bindungen erwächst sicherlich auch ein Teil Autonomie und das Gefühl der Selbstwirksamkeit. Horizontalität lässt sich also aktiv gestalten – im Freundeskreis, beim gemeinsamen Hobby, in Selbsthilfegruppen. Auf Gemeinschaft als Gesundheitsressource sollten wir auf jeden Fall nicht leichtfertig verzichten!

 

Andreas Dick beschreibt in seinem Buch “Psychotherapie und Glück” die unterschiedlichen Quellen und Prozesse, welche seelische Gesundheit beeinflussen. Hierbei geht er neben personenzentrierten Ressourcen auch auf die sozialen Ressourcen seelischer Gesundheit ein. Aus der Sozialindikatorenforschung wissen wir, dass soziale Beziehungen ganz oben in der allgemeinen Rangreihe der relevantesten Umweltfaktoren stehen, gefolgt vom allgemeinen Lebensstandard und den Arbeitsbedingungen.

 

Dick (2003) schreibt hierzu folgendes: «Menschen, die regelmäßigen Kontakt mit Freunden oder Verwandten haben, sind generell glücklicher als jene, die keine solchen Kontakte pflegen. Insbesondere ist die Anwesenheit eines engen Vertrauten stark mit Glücklichsein verbunden. » (S. 67). In diesem Kontext verweist er auf eine Studie von Pennebaker, in der dieser die wichtige Rolle der persönlichen Öffnung hervorhebt: 33 Holocaust-Überlebende verbrachten zwei Stunden damit, Erinnerungen an ihre Erfahrungen auszutauschen, in denen oft auch intime Details enthüllt wurden, über die sie sich vorher noch mit niemandem ausgetauscht hatten. Vierzehn Monate später wiesen diejenigen, die sich am Meisten geöffnet hatten, die größte Verbesserung ihrer Gesundheit auf.

 

Andreas Dick befasst sich auch mit der Frage, inwiefern im psychotherapeutischen Rahmen der vergangenen Elternbeziehung mehr Interesse gewidmet werden sollte als der aktuellen Beziehung zu den Eltern. Für ihn sind die Eltern eine wichtige, aber nicht die einzige Quelle, aus denen sich die personenbezogenen Ressourcen (wie bspw. Selbstvertrauen, Kontrollgefühl, Gelassenheit) in der Kindheit entwickeln. Somit werden die vergangenen Bindungsbeziehungen mit-verantwortlich für die Art und Weise, wie eine Person im Hier und Jetzt über sich und über andere denkt.

 

“Es sind die aktuellen und nicht die vergangenen Beziehungen, die entscheidend sind für das aktuelle Wohlbefinden. Die aktuellen Beziehungen sind jedoch abhängig vom gegenwärtigen Beziehungsdenken einer Person, das sich aufgrund ihrer bisherigen Lebensgeschichte, unter anderem eben auch aufgrund ihrer Beziehung zu den Eltern in der Kindheit entwickelt hat.” Dick legt in seiner therapeutischen Arbeit den Schwerpunkt auf das aktuelle Beziehungsdenken: Klienten sollen verbalisieren können, welche Beziehung sie sich schon immer zu ihren Eltern gewünscht hätten, auch wenn diese Art von Beziehung in der Gegenwart nicht mehr möglich ist. Der Zugang zu den eigentlichen Wünschen und vielleicht auch zur Trauer darüber, dass  sie nicht in Erfüllung gingen, ist für eine “Versöhnung” mit einer schwierigen familiären Vergangenheit notwendig. Die Beziehung kann hierdurch eine neue Grundlage erhalten.

 

In seiner Ressourcen-Checkliste, welche insgesamt 50 Items enthält, widmet Dick den  sozialen Ressourcen Freunde und Familienangehörigen drei Items:

 

5. Ich besitze momentan einige Freunde, denen gegenüber ich mich öffnen und denen ich vollkommen vertrauen kann.

6. Ich besitze momentan Familienangehörige (Eltern, Geschwister, Kinder, etc...), denen ich vollkommen vertraue und bei denen ich mich gefühlsmäßig aufgehoben fühle.

7. Ich besitze momentan Familienangehörige, die mich als selbstständige Person respektieren und mich so lieben und akzeptieren wie ich bin.

 

Wie schon oben angedeutet,  finden sich in der Checkliste noch weitere 11 Items, die mit Beziehungsfähigkeit und Liebesfähigkeit zu tun haben, einer für das psychische Wohlbefinden, zentralen persönlichkeitsbezogenen Ressource: zwischen-menschliche Zuwendung, verlässliche Nähe, Vertrauen und Liebe empfangen und verschenken können. Hier nur einige Beispiele angeführt:

 

27. Ich besitze…..gute Gespräche mit verschiedenen Arten von Menschen führen können.

37. Ich besitze…..die Fähigkeit, feinfühlig auf andere Menschen und ihre Bedürfnisse eingehen können.   

 

Gemeinschaftsgefühl aus individualpsychologischer Sicht

Der Begriff Gemeinschaftsgefühl wurde in den Übersetzungen von Adlers Schriften zum Teil mit "social interest" oder “social feeling” wiedergegeben. Adler definierte Gemeinschaftsgefühl als “kognitive Funktion” welche basiert auf einer sozialen Anlage, die im Laufe eines individuellen Lebens entwickelt werden muss.

 

Davor gab Adler diesem Begriff jedoch unterschiedliche Bedeutungen. Als erster Vorläufer gilt das “Zärtlichkeitsbedürfnis” (1908-1917), das im Menschen “soziale Gefühle” wachsen lässt. Dieses Zärtlichkeitsbedürfnis ist der Gegenspieler des Aggressionstriebs; wir haben hier also noch eine triebpsychologische Sichtweise. Das Zärtlichkeitsbedürfnis soll, ähnlich wie der “Gemeinsinn”, die Rücksichtnahme im sozialen Kontext absichern.

 

In einer zweiten Phase, von 1918-1928, wird das Gemeinschaftsgefühl als angeborenes Gegenmotiv zum Macht- und Geltungsstreben definiert. Da das Streben nach Macht von sich aus keine Grenzen kennt, braucht es einen Gegenpart, der es bremsen kann. Das Gemeinschaftsgefühl nahm in Adlers Schriften rasch an Bedeutung zu, wohingegen Macht- und Geltungsstreben langsam in den Hintergrund rückten. In “Praxis und Theorie der IP” definiert Adler das Gemeinschaftsgefühl folgendermaßen: “ Unsere IP hat den Nachweis erbracht, dass die Bewegungslinie des menschlichen Strebens zunächst einer Mischung von Gemeinschaftsgefühl und Streben nach persönlicher Überlegenheit  entspringt. Beide Grundfaktoren zeigen sich als soziale Gebilde, der erste als angeboren, die menschliche Gemeinschaft festigend, der zweite als anerzogen(…) Liebe, Arbeit, Mitmenschlichkeit sind die realen Forderungen des menschlichen Zusammenlebens”.

 

Nach 1928 definierte Adler das Gemeinschaftsgefühl, wie schon oben angedeutet, als orientierende Einstellung im Streben nach oben. Adler sah den Menschen als soziales Wesen, das die Disposition zum positiven sozialen Bezug in sich trägt. Die vorhandene Disposition muss durch Erziehung beeinflusst werden, so dass aus ihr eine reale Persönlichkeitseigenschaft wird. Das Gemeinschaftsgefühl drückt sich im Denken, im Fühlen und im Handeln aus; der Mensch erkennt an, dass er Teil eines größeren Ganzen ist (Zusammengehörigkeitsgefühl). Um die Koordination innerhalb dieses Ganzen zu sichern, muss das Individuum sich einerseits einfühlen, andererseits kooperieren können.

 

- Gemeinschaftsgefühl als Gefühl der Zusammengehörigkeit

- Gemeinschaftsgefühl als Einfühlung

- Gemeinschaftsgefühl als Kooperation

- Gemeinschaftsgefühl als Beitrag zur Weiterbildung des Ganzen.

 

Gemeinschaftsgefühl und seelische Gesundheit

In Adlers späten Schriften wird der Grad an Gemeinschaftsgefühl zum wichtigsten Kriterium für seelische Gesundheit. Adler ging davon aus, dass mangelnde Kooperation und Einfühlungsvermögen mit einem starken Minderwertigkeitsgefühl beim Individuum einhergingen: fehlender Sinn bzw. Nützlichkeit für ein übergeordnetes Ganzes vermitteln das Gefühl, wertlos zu sein. Der nützliche Mensch hingegen ist auch der gesunde, glückliche Mensch. Nach J. Rüedi ist seelische Gesundheit für Adler das Zeichen, gleichsam die Belohnung dafür, dass ein Individuum auf seine soziale Lebenssituation im Sinne des entwickelten Gemeinschaftsgefühls zu antworten vermag. Der Grad an Gemeinschaftsgefühl und die Fähigkeit zu Beziehung bestimmt das Maß an seelischer Ausgeglichenheit und Gesundheit “Je entwickelter das Gemeinschaftsgefühl eines Menschen ist, desto seelischer gesünder ist er, desto besser vermag er seine Lebensaufgaben zu lösen.” Außerhalb der menschlichen Gemeinschaft kann es dem Einzelnen nicht gut gehen. Wer sich isoliert und einsam fühlt, dem ist nicht wohl in seiner Haut. Mit den Worten Alfred Adlers: “Alle unsere körperlichen und seelischen Funktionen sind richtig, normal, gesund entwickelt, sofern sie genügend Gemeinschaftsgefühl in sich tragen und zur Mitarbeit geeignet sind. Wir sprechen von Tugend und meinen, dass einer mitspielt, von Laster und meinen, wenn einer die Mitarbeit stört.” (Adler, 1933)

 

Adler sieht drei übergeordnete Lebensaufgaben, denen das Individuum sich stellen muss, und für deren Bewältigung es Gemeinschaftsgefühl benötigt: Gesellschaftliche Aufgabe, Arbeit und Liebe-Sexualität.

 

Wir wollen unser Augenmerk an dieser Stelle auf die erste der drei Lebensaufgaben richten, da sie den anderen sowohl zeitlich als auch von der Bedeutung her übergeordnet ist. Da der Mensch in eine Logik des Zusammenlebens hineingeboren wird (d.h. er ist in ständiger Begegnung mit anderen Menschen) muss er auch versuchen, mit den Zeitgenossen auszukommen. Wer ständig in Streit lebt, kann nicht zufrieden werden; wer in Angst lebt, von seinem Nachbarn an Bedeutung übertroffen zu werden, der kann sich nicht zurücklehnen und genießen, resp. seine eigenen Interessen den Interessen der Gesellschaft unterordnen. Den Erziehern steht die anspruchsvolle Aufgabe zu, das Kind auf die Gemeinschaft vorzubereiten, es zu einem Mitspieler “heranzuziehen”. Adler sagt hierzu folgendes “Der Weg zur Linderung der kindlichen Unsicherheit führt in die Gemeinschaft. Die Anlehnung und das Gefühl der Zugehörigkeit sind imstande, die Unsicherheit des Kindes zu bannen.” Aufgabe der Erziehung ist es, den Prozess des “Wurzelschlagens” zu fördern.

 

Aus all diesen theoretischen Ausführungen sowohl aus allgemeinpsychologischer als auch aus individualpsychologischer Sicht, wird deutlich, welch hoher Stellenwert den sozialen Beziehungen im Leben eines Menschen und für dessen seelische Gesundheit, zukommt. Wir haben versucht dieser Tatsache im Aufbau unserer Kurse Rechnung zu tragen. “Soziale Beziehungen” wird als Tagesthema ausführlich behandelt, zieht sich aber auch durch die anderen Sitzungen wie ein roter Faden.

 

Innerhalb der Trainingsgruppe laufen viele Interaktionen ab, die, soweit wir einen Einfluss drauf haben von Gleichwertigkeit, Wertschätzung und Kongruenz geprägt sind. So wird die Gruppe idealerweise zu einer Art Schutzraum, in dem soziale Beziehung “erprobt” werden kann.   

 

2.4.2 Arbeit-Berufstätigkeit und ihr Stellenwert für seelische Gesundheit

Sigmund Freud pflegte die Frage nach der Norm seelischer Gesundheit eines Menschen mit dem Hinweis zu beantworten: "Er soll arbeiten und lieben können." Vereinfacht können wir sagen, dass der Vater der Psychoanalyse somit zwei Eckpfeiler der menschlichen Existenz benannt hat und damit den Lebenssinn des menschlichen Wesens skizziert hat. In der Tat besteht heute - zumindest in den westlichen Industrieländern - ein Konsens darüber, dass Arbeit, ein, vielleicht das zentrale, den Menschen kennzeichnendes Merkmal ist.

 

Mit der Arbeit, der Berufstätigkeit lassen sich zahlreiche positive Funktionen verbinden:

- die Erwerbsarbeit sichert unsere Existenzgrundlage ab und ermöglicht uns die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben; sie ist Voraussetzung für unser Konsumverhalten; daneben wird der gesellschaftliche Status einer Person zum größten Teil über seine berufliche Position definiert.

- die Arbeit kann Quelle von Erfolgserlebnissen sein; so stärkt sie unser Selbstwertgefühl; in der Ausübung des Berufes können wir Aktivität, Kompetenz und Selbstwirksamkeit demonstrieren; Arbeit hilft die eigene Identität zu definieren.

- die Arbeit läuft in einem sozialen Kontext ab; hier lernen wir Leute kennen (nach wie vor wird eine Vielzahl von Freundschaften und Ehen am Arbeitsplatz “geschlossen”), hier können wir über längere Zeiträume soziale Beziehungen pflegen (bspw. auch durch außerberufliche gemeinsame Aktivitäten); der Beruf ermöglicht eine gewisse soziale Einbindung;

- die Arbeit strukturiert unseren Alltag, unsere Wochen, unser Jahr: das Wechselspiel zwischen Arbeit und Freizeit, idealerweise zwischen Anspannung und Entspannung gibt uns Orientierung und Halt; auch die verschiedenen Lebensphasen unterscheiden sich unter anderem grundlegend durch den Stellenwert, welche die Arbeit in ihnen einnimmt.

- die Arbeit ist für viele Zeitgenossen nach wie vor Lebensinhalt; besonders in den sozialen Berufssparten finden wir zahlreiche Menschen, denen die Arbeit wichtigster Lebensinhalt ist; tendenziell wird jedoch für viele Menschen der Freizeitbereich immer wichtiger.

- Berufstätigkeit kann eine Komponente von Selbstverwirklichung sein.

 

Die positiven Funktionen der Arbeit sind also für zahlreiche Menschen wichtige Faktoren für deren seelische Gesundheit. Es kann aber alles ganz anders sein!

 

Nichts hat sich in den letzten 15 Jahren so rasant verändert wie die Arbeitswelt. Alles fließt, alles verändert sich – permanent und ohne Aussicht auf entspanntere Zeiten. Dynamisch, flexibel, mobil, veränderungsoffen, weltgewandt, zielorientiert und vernetzt, sind die Attribute, mit denen Arbeitskräfte sich schmücken müssen, wollen sie auf dem Markt erfolgreich mithalten. Diese Attribute allein sind jedoch kein Garant für eine erfüllte, abgesicherte Arbeitsstelle (abgesehen von der Tatsache, dass sie beim Einzelnen einen hohen Energievorrat voraussetzen und ihn unter einen immensen Leistungsdruck setzen). In einer globalisierten Welt wird der Mensch mehr und mehr zum Spielball sozioökonomischer Faktoren. Daneben können Persönlichkeitsfaktoren die Gestaltung des Arbeitsprozesses beeinflussen. Wie verhält es sich bspw. bei Menschen, für die Arbeit nach und nach zur Sucht wird? Oder was erleben Arbeitnehmer, die einem immensen Leistungsdruck ausgesetzt sind, oder die im Arbeitsumfeld gemobbt werden. Schlimmer noch, wie steht es mit Arbeitslosen, die ihr Leben nur noch in der Warteschleife verbringen und sich dem Strudel psychischer Selbstabwertung nur schwer entziehen können.

 

Wir gehen nun auf diese Problemfelder ein und versuchen ihre Inzidenz auf die seelische Gesundheit der Betroffenen aufzuzeigen.

 

Workaholics

Wie lässt sich Arbeitssucht definieren? Es macht Sinn, zur Beantwortung dieser Frage auf eine operationale Definition zurückzugreifen. Auf einen Arbeitssüchtigen treffen folgende Merkmale zu:

 

1.      er ist der Arbeit völlig verfallen; sein gesamtes Denken und Handeln, sämtliche Vorstellungen kreisen um die Arbeit;

2.      er hat die Kontrolle über sein Arbeitsverhalten verloren;

3.      er erlebt es subjektiv als unmöglich, kürzere oder längere Zeit nicht zu arbeiten;

4.      beim Nichtarbeiten treten Entzugserscheinungen auf – bis hin zu vegetativen Störungen;

5.      er entwickelt eine Toleranz gegenüber dem Arbeitspensum; es muss immer mehr gearbeitet werden;

6.      psychosoziale sowie psychoreaktive Störungen treten auf.

(Poppelreuter/Windholz, Psychologie Heute. Juni 2002)

 

Welche relevanten Persönlichkeitsmerkmale finden sich bei Arbeitssüchtigen wieder? Oftmals ist ihnen eine zwanghaft-perfektionistische Grundeinstellung gemein. Flexibilität und innovative Veränderungen werden vermieden. Auch haben sie oftmals Schwierigkeiten damit, Aufgaben zu delegieren, möglicherweise deshalb, weil “niemand es so gut erledigen kann wie sie!” Neben diesen eher allgemeinen Merkmalen, ist es immer auch wichtig, zu fragen, welche FUNKTIONEN das exzessive Arbeitsverhalten in der Biographie des Individuums einnimmt: geht es um die Karriere oder sollen unangenehme Gefühle verdrängt werden? Vielleicht sollen persönliche Defizite kompensiert werden oder man flüchtet sich vor stabilen sozialen Beziehungen in die Arbeit.

 

Arbeitssucht wirkt sich negativ auf seelische Gesundheit aus; der Betroffene steht unter  Dauerstress, der sich mit der Zeit negativ auf sein Wohlbefinden auswirkt. Es kommt nicht mehr zu der nötigen, ausgleichenden Entspannung.

 

Die Krankheitseinsicht ist in der Therapie mit « Workaholics » ein wichtiges Ziel: der Betroffene muss für sich selbst erkennen, dass sein Arbeitsverhalten extrem ist. Daneben ist es wichtig, dass er das « Wozu », also die Funktionen seines Extremverhaltens versteht, damit er alternative Strategien für einen neuen Umgang mit Problemen ins Auge fassen kann.

 

Daneben ist es wichtig dem Betroffenen zu zeigen, dass es auch ein Leben außerhalb der Arbeit gibt; Genussfähigkeit ist in diesem Zusammenhang ein wichtiges Stichwort. Dem Thema « Genuss », in seiner Stress-reduzierenden Funktion (also auch als ausgleichende Maßnahme bei Stress auf der Arbeit) widmen wir in unserem Kurs ein ganzes Modul. Wir schreiben der Genussfähigkeit eine « salutogenetische » Wirksamkeit zu.

 

Mobbing

Wie steht es um das zwischenmenschliche Klima an unseren Arbeitsplätzen? Um dieser Frage nachgehen zu können, müssen wir uns bewusst machen, dass nicht jede Feindseligkeit am Arbeitsplatz gleich Mobbing ist. Die Grenzen zwischen alltäglichen Aggressionen und Mobbing können fließend sein. Mobbing zeichnet sich überwiegend durch folgende Merkmale aus:

 

- Häufigkeit: mindestens einmal pro Woche

- Dauer: mindestens über ein halbes Jahr hin

- Systematik: die Schikane erfolgt nicht zufällig, sondern geplant

- Ungleiche Machtstrukturen

- Zielgerichtetheit

(Dieter Zapf/ Konstantin Warth, Psychologie Heute. 1997)

 

Bei Mobbing-Opfern werden oftmals massive gesundheitliche Beeinträchtigungen festgestellt: Nervosität, Schlaf- und Konzentrationsprobleme, depressive Verstimmungen, die weit über das hinausgehen, was man sonst typischerweise in arbeitspsychologischen Stressuntersuchungen findet.   

 

Mobbing ist oft ein schleichender Prozess der zudem auch noch multifaktoriell bedingt ist. Die Ursachenfelder sind unterschiedlich: eine der Ursachen kann in der schlechten Arbeitsorganisation der Firma liegen; Führungsmängel und niedrige Moral in der Arbeitsgruppe gesellen sich dazu. Einen wichtigen Stellenwert können gruppendynamische Aspekte einnehmen: Konflikte in der Gruppe werden auf eine Person abgeladen (Sündenbockphänomen). Die innerbetriebliche Kommunikation ist zudem oftmals fehlerhaft.

 

Daneben spielen persönliche Gründe, sowohl auf der Seite der Täter, wie auf der Seite der Opfer eine wichtige Rolle: ein Täter kann aus Rache handeln, weil er sich gekränkt, minderwertig fühlt und dies durch das Mobbing zu kompensieren versucht. Die Persönlichkeitsstruktur der Opfer ist auch ein Anhaltspunkt, wobei es schwierig ist einzuschätzen, ob die untersuchte Eigenschaft, Ursache oder Folge von Mobbing ist.

 

Was Mobbing betrifft, so sehen wir im präventiven Bereich alle persönlichkeitsorientierten Maßnahmen, die das Selbstwertgefühl des Menschen stärken, bzw. welche den Betroffenen Zugang zu ihrer Selbstwirksamkeit ermöglichen. Dazu gehört auch die Fähigkeit, seine Grenzen klar nach außen markieren zu können, auch einmal “Stopp” zu sagen. Daneben zielen alle Entspannungstechniken darauf ab, das individuelle Stressniveau zu senken.

 

Arbeitslosigkeit

Arbeitslosigkeit bedeutet für den Arbeitslosen immer eine bestimmte Art von psychosozialem Stress: Scham; das Gefühl, nicht zu genügen und versagt zu haben. Diese Reaktionen erklären sich zum Teil aus der Tatsache, dass Arbeitslosigkeit als individuelles Versagen begriffen wird. Durch Arbeitslosigkeit entstehen Belastungen auf unterschiedlichen Ebenen:

 

Primäre Viktimisierung: Verluste, welche direkt mit der Erwerbstätigkeit verbunden sind è Einkommenseinbussen, Wegbrechen der sozialen Kontakte mit den Arbeitskollegen, Beschneiden der Möglichkeit, seine eigenen Fähigkeiten einzusetzen und daraus seine Identität zu schöpfen; Existenzängste; Gefühl der eigenen Nutzlosigkeit;

 

Sekundäre Viktimisierung: Belastungen, welche aus den indirekten Folgen der Arbeitslosigkeit erwachsenè soziale Isolation und Stigmatisierung;

 

Tertiäre Viktimisierung: “victim blaming” è das Umfeld kann dem Arbeitslosen einen unangemessenen Umgang mit seiner Lage vorwerfen;

(Silke Becker, Psychologie Heute. März 2004)

 

Menschen, die ihre Arbeit verlieren haben oft einen typischen Leidensweg vor sich: die erste Reaktion auf die Ankündigung des Verlustes ist zumeist ein Schock. Die Betroffenen sind erschüttert, fühlen sich wie gelähmt. Danach kann sich eine gewisse Erleichterung einstellen, da mit dem Arbeitsverlust ja auch die negativen Seiten wegfallen (bspw. Stress, nervige Kollegen). In den ersten Wochen und Monaten der Arbeitslosigkeit sind viele noch hoch motiviert: sie sehen Perspektiven, sammeln Informationen, orientieren sich. Aber mit jeder Absage bröckelt auch das Selbstbewusstsein ein klein wenig. Daneben breitet sich nach und nach das Gefühl der Nutzlosigkeit aus, das einher geht mit einer Bedrohung des Selbstwertgefühls. Zieht sich diese Phase von Bewerbung-Absage über längere Zeit hin, so riskiert der Betroffene in einen depressiven Zirkel zu geraten. Je mehr Absagen kommen, desto geringer wird das Selbstwertgefühl, desto stärker breiten sich Hoffnungslosigkeit und Resignation aus. Typische Stressreaktionen wie Schlafstörungen und vegetative Störungen stellen sich ein; die Gesundheit leidet mit. In der Broschüre “Arbeitslosigkeit und Gesundheit” (in Psychologie Heute März 2004) sind Angaben darüber zu finden, dass Arbeitslose einen schlechteren Gesundheitszustand haben als die Allgemeinbevölkerung:

 

- Arbeitslose greifen häufiger zu Zigaretten;

- Arbeitslose treiben weniger Sport;

- Arbeitslose schätzen ihren Allgemeinzustand deutlich schlechter ein;

- Arbeitslose gehen öfter zum Arzt;

- Arbeitslose sind deutlich häufiger im Krankenhaus;

- je länger die Arbeitslosigkeit andauert, desto deutlicher sinkt die Lebenserwartung.

 

Sozialer Rückzug und Isolation sind nicht selten die Folge von Langzeitarbeitslosigkeit. Der Betroffene kann beim Konsumverhalten der Gesellschaft nicht mithalten und zieht sich zurück; zugleich schneidet er sich damit aber auch von einer wichtigen Ressource in der Bewältigung seiner Situation ab, nämlich von seinem sozialen Netzwerk.

 

Diese Anhaltspunkte sind für den Betroffenen wichtig in der Be- und Verarbeitung seiner konfliktuellen Lage:

 

- Ein offener Umgang mit der Situation: Verheimlichen beschleunigt den Weg in die Isolation.

- Bestehende soziale Einbindung soll erhalten, wenn möglich sogar intensiviert werden.

- Kognitive Umdeutung um Arbeitslosigkeit auch als Chance wahr zu nehmen: vernachlässigte Interessen können gepflegt werden; Zeit und Energie können in andere Lebensbereiche investiert werden (bspw. in Familie oder Kreativität, oder Allgemeinnützigkeit….)

- Der Alltag soll weiterhin strukturiert bleiben; de Betroffenen kann sich selbst einen regelmäßigen Rhythmus geben, der ihm Halt und Orientierung bietet.

- Der Betroffene soll sich bewusst sein, dass Arbeitslosigkeit immer mit Stresserleben verbunden ist, dem er aktiv entgegenwirken soll und dies sowohl auf körperlicher als auch auf seelischer Ebene (Fitness, Psychohygiene, Entspannungstechniken….).

 

 

Arbeit aus individualpsychologischer Sicht

In Adlers Theorie, ist Arbeit eine der drei (bzw. vier) zentralen Lebensaufgaben (neben Liebe/Partnerschaft, Gesellschaft und Kreativität). Diese Aufgaben, welche ineinander ”verzahnt” sind und sich gegenseitig beeinflussen, sind für das Individuum ständige Herausforderung. Arbeit ist notwendig um Leben zu erhalten: Rohstoffe werden be-arbeitet, mit dem Ziel das Leben zu erleichtern und es abzusichern. Dabei positioniert jede Epoche sich auf ihre eigene Art und Weise gegenüber dieser Aufgabe, auch in Abhängigkeit vom Fortschritt.

 

Daneben ist Arbeit eine Voraussetzung, um persönlichen Wert und Wichtigkeit zu finden. Durch Arbeit wird also nicht allein Existenz abgesichert sondern durch sie kann das Individuum “selbstschöpferisch” sein Wesen in Interaktion mit der Umwelt definieren.

 

Über die Arbeit lässt sich auch der gesellschaftliche Wert, der Status einer Person definieren. “Es ist die Art, wie ein Mensch die Stelle, die ihm in der Arbeitsteilung der Gemeinschaft zugewiesen ist, ausfüllt, die seinen Wert ausmacht” (Wörterbuch der IP S. 45). In diesem Kontext sorgt Adler sich um all diejenigen, die den in der Gesellschaft vorherrschenden Arbeitsvorstellungen nicht entsprechen können (bspw. ältere Menschen, denen wir heute auch noch Behinderte, Arbeitslose, Hausfrauen und ähnliche Gruppen zufügen können, die dem auf dem Markt vorherrschenden Leistungsprofil nicht entsprechen).

 

Daneben zeigt sich der Lebensstil eines Menschen deutlich in seinen individuellen Stellungnahmen im beruflichen Umfeld: “ Es ist evident, dass in der Art ob und wie jemand versucht, einen Beitrag zum  Wohlergehen aller zu leisten, dieser Mensch in seiner grundsätzlichen Art an Probleme heranzugehen, in seinem Lebensstil, sichtbar wird.”

 

Adler sah auch die Möglichkeit der Flucht in den Beruf, um der Beantwortung der anderen Lebensfragen auszuweichen. Die unzulängliche Beantwortung auf die Lebensfrage Arbeit, kann schnell einen Existenz-bedrohlichen Charakter annehmen (anders wie bei Liebe und Gesellschaft).

 

Abschließend weist Adler darauf hin, dass sozial nützliche Arbeit dem psychisch gesunden Menschen hilft, seine Minderwertigkeitsgefühle zu überwinden. Um seelisch gesund zu sein, benötigt der Mensch also das Gefühl seines Wertes für die Allgemeinheit. Dieses Gefühl ist nur in der Erbringung einer sozial nützlichen Arbeit zu erreichen womit das Individuum gleichzeitig zu einer Position als geschätztes Mitglied der Gemeinschaft kommt. Aus diesen Aussagen lässt sich aber auch ableiten, dass jeder Mensch das Recht auf eine Arbeit haben muss, die daneben auch noch menschenwürdig sein sollte, d.h. sie sollte den arbeitenden Menschen nicht schädigen und sie sollte für den Menschen Quelle von Bestätigung und Erfüllung sein.

 

“Es darf kein Zweifel bestehen, dass jedem der Lohn seiner Arbeit gebührt und dass die Ausbeutung des Lebens und der Arbeit anderer niemals das Wohl der Menschheit fördern kann….Auch was die Zukunft bringen wird an Änderungen der Produktionsweise und der Verteilung der Güter, wird zwangsweise der Kraft des Gemeinschaftsgefühls besser entsprechen müssen als heutzutage, ob die Änderungen nun erzwungen oder gegeben sein werden (in Wörterbuch der IP S. 47).

 

2.4.3 Partnerschaft, Liebe und Sexualität

 „Das Einzige, wonach wir mit Leidenschaft trachten, ist das Anknüpfen menschlicher Beziehungen“,

Ricarda Huch (1864-1947), deutsche Schriftstellerin

 

In diesem Teil folgt eine allgemeine Beschreibung des Konzepts der Partnerschaft und der Liebe. Daraufhin kommt ein etwas eher pragmatischer Teil gefolgt von der Erläuterung des Konzepts aus Ip-Sicht.

 

Beschreibung des Konzepts

Liebe gehört zu den Dingen des Lebens, die für uns die größte Bedeutung haben: Die verschiedenen Möglichkeiten Liebe zu erleben, erlauben es nicht Liebe als Konzept zu vereinheitlichen. Die romantische Liebe, die in unzähligen Filmen und Romanen thematisiert wird, stellt nur eine Variante dar, wie geliebt werden kann. Daher stellt sich die Frage, wie sich die Bedeutung des Begriffs "Liebe" darstellt.

 

Was bedeutet der Begriff "Liebe" und welche Merkmale kennzeichnen ihn? Auf diese Fragen haben sowohl Laien in ihrem Denken über Liebe als auch Sozialwissenschaftler in ihrer Interpretation der Liebe Antworten gegeben. Interessanterweise stimmen die Antworten von Laien und Experten weitgehend überein: Es gibt nur unwesentliche Unterschiede zwischen den Vorstellungen von Laien und den Theorien der Liebe, die von Sozialwissenschaftlern formuliert wurden. Der Begriff der Liebe lässt sich auf drei Ebenen der Betrachtung ansiedeln:

- Leidenschaft umfasst Euphorie ("Schmetterlinge im Bauch"), erhöhten Herzschlag, sexuelle Begierde, physische Attraktion und starke positive Gefühle.

- Intimität enthält Offenheit, sich frei fühlen, über alles sprechen können, Verstehen, Geduld, Verzeihen, Gegenseitigkeit und Verantwortung. Hinzu kommen Ehrlichkeit, Vertrauen, Respekt und Unterstützung.

- Bindung ist dadurch gekennzeichnet, dass der andere den eigenen Interessen vorangestellt wird, dass er gebraucht wird und geschützt wird, dass die Beziehung als lang andauernd wahrgenommen wird und eine Loyalität besteht, die von Opferbereitschaft begleitet wird.

 

Diese Einteilung umfasst unterschiedliche Erlebnisse in Partnerschaften, von denen jedes Erlebnis für sich eine eigene Abhandlung rechtfertigt. Leidenschaft verknüpft das Thema der Liebe mit Sexualität. Intimität stellt eine Verbindung zu Vertrauen und Selbstöffnung dar. Bindung thematisiert, wie viel Zeit und Energie man in die Partnerschaft investiert.

 

Sozialpsychologen wollen sechs verschiedene Liebesstile differenzieren. Die einzelnen Liebesstile werden in der Regel nicht isoliert auftreten sondern in Kombination. So kann es etwa sein, dass die Liebesgefühle einer Person den Akzent auf Freundschaft und Opferbereitschaft legen. Eine andere Person kann in der Partnerschaft romantisch und besitzergreifend sein. Oder eine dritte Person verliebt sich pragmatisch und spielerisch. Obwohl diese Kombinationen die Realität der Liebe darstellen, ist es sinnvoll und gewinnbringend, jeden der sechs Liebesstile einzeln zu betrachten:

 

Romantische Liebe ist durch Leidenschaft und die Betonung der sexuellen Zuneigung gekennzeichnet. Der Partner oder die Partnerin wird als physisch attraktiv wahrgenommen. Man kann romantische Liebe an der Zustimmung zu folgenden Feststellungen erkennen:

- Ich habe nach meinem Partner starke Sehnsucht, wenn ich ihn für einige Zeit nicht sehe.

- Mit meinem Partner mache ich die schönsten erotischen Erfahrungen meines bisherigen Lebens.

 

Spielerische Liebe ist dadurch gekennzeichnet, dass sexuelle Freiheit und Ungebundenheit ausgelebt werden. Die Eroberung eines neuen Partners löst das Gefühl aus, sexuell attraktiv zu sein. Es geht an erster Stelle um eine Liebesaffäre und weniger um eine langfristige Bindung. Auch die Ausprägung der spielerischen Liebe kann durch die Zustimmung zu bestimmten Feststellungen ermittelt werden:

 

- Es ist schon einmal vorgekommen, dass ich zur gleichen Zeit zwei Liebesaffären hatte.

- Seitensprünge verschweige ich lieber, um meinen Partner nicht zu verletzen.

 

Freundschaftliche Liebe ist das Ergebnis von Gemeinsamkeiten in Interessen und Gewohnheiten. Die gute Kooperation der Partner führt dazu, dass sie wenig Streit haben und dass Vertrauen und Sicherheit in der Beziehung betont werden. Man erkennt freundschaftliche Liebe an der Zustimmung zu den folgenden Feststellungen:

 

- Ich kann nur jemanden lieben, für den ich auch freundschaftliche Gefühle hege.

- Ohne echte Partnerschaftlichkeit ist für mich Liebe nicht vorstellbar.

 

Besitzergreifende Liebe ist vor allem durch Eifersucht gekennzeichnet. Emotionale Höhen und Tiefen wechseln einander ab, je nachdem, ob man sich des Partners momentan sicher ist oder sich verunsichert fühlt. Die Gedanken an eine mögliche Untreue des Partners werden als quälend und drängend erlebt. Die Zustimmung zu den folgenden Feststellungen beinhaltet einen Hinweis auf die Vorherrschaft dieses Liebesstils:

 

- Wenn ich in meiner Liebesbeziehung Ärger habe, färbt das auf alle anderen Lebensbereiche ab.

- Bei dem Gedanken an eine Trennung von meinem Partner kann ich mir mein Leben nicht mehr weiter vorstellen.

 

Pragmatische Liebe betont die vernünftige Auswahl des Partners oder der Partnerin. Die Partnerschaft wird deshalb gesucht, weil sie Vorteile bringt. Auch diesen Liebesstil kann man aus bestimmten Feststellungen ableiten:

 

- Liebe kann sich dann am Besten entwickeln, wenn die Zukunft gesichert ist.

- Für mich ist es wichtig, dass mein Partner ein gewisses Sozialprestige hat.

 

Altruistische Liebe beruht auf Opferbereitschaft und Selbstlosigkeit. Das Wohl des Partners wird vor das eigene Wohlergehen gestellt. Zwei Feststellungen können diesen Liebesstil anschaulich machen:

 

- Für meinen Partner würde ich alles tun, wenn es für ihn wichtig wäre.

- Echte Partnerschaft ist ohne gegenseitige Fürsorge nicht vorstellbar.

 

Erweist sich ein Liebesstil besser/geeigneter als ein anderer? Sicher nicht! Jeder Liebesstil kann individuell sinnvoll und zufrieden stellend erlebt werden, solange keine Extreme erreicht werden. Extreme sind z.B. für die besitzergreifende Liebe ein schwerwiegendes Problem, obwohl sie in abgemilderter Form in vielen Beziehungen vorkommt, ohne dass dadurch die Beziehung gefährdet wird. Im Gegenteil, eine milde Form von besitzergreifender Liebe kann die Beziehung sogar festigen. Aber bei extremer besitzergreifender Liebe lassen Untersuchungsergebnisse vermuten, dass sie mit Gewalt in der Partnerschaft in Zusammenhang steht. Solche Konstellationen können entstehen, wenn sich extreme Formen von Eifersucht auf der Basis einer ängstlich-ambivalenten Grundhaltung entwickelt haben. Wegen der möglichen Verbindung mit der Ausübung von partnerschaftlicher Gewalt sollte es ein Warnsignal sein, wenn man auf einen solchen Partner oder eine solche Partnerin trifft.

 

Es ist offensichtlich, dass Menschen ihrem Partner gegenüber ihre Liebe verschiedenartig ausdrücken. Romantische, spielerische und besitzergreifende Liebe spricht Leidenschaft an. Freundschaftliche, altruistische und pragmatische Liebe fällt unter Kameradschaft bzw. Freundschaft. Sowohl Leidenschaft als auch Freundschaft sind wichtige Aspekte für die Verwirklichung einer zufriedenen, glücklichen und stabilen Partnerschaft.

 

Dabei ist der stärkste Glücksbringer die romantische Liebe. Hier entsteht ein Problem: Die romantische Liebe ist in langfristigen Beziehungen durch die ganz normalen Anforderungen des Alltags (z.B. Stress am Arbeitsplatz, Betreuung von Kindern, Hausarbeit etc.) in ihrer Beständigkeit bedroht. Hinzu kommt, dass viele Paare nicht genügend Zeit miteinander verbringen, in der sie die Intimität der Zweisamkeit pflegen. Um die romantische Liebe zu erhalten, ist es jedoch wichtig, gemeinsam Zeit als Paar miteinander zu verbringen. Auch Paare, die schon lange zusammenleben bzw. verheiratet sind, sollten ihren Alltag mit gemeinsamen angenehmen Aktivitäten bereichern. Wichtig ist, dass das Paar solche Aktivitäten allein unternimmt, um sich dem Partner ganz zuwenden zu können. Auch Gesten der Intimität und Zärtlichkeit wie z.B. körperliche Berührungen bereichern die romantische Liebe und schaffen eine angenehme Atmosphäre für das Erleben der Sexualität, das für romantische Gefühle von zentraler Bedeutung ist.

 

Aber auch Freundschaft bzw. Kameradschaft spielen für das partnerschaftliche Glück eine wichtige Rolle. Für die Pflege der Freundschaft ist es wichtig, in guten und schlechten Zeiten füreinander da zu sein, sich gegenseitig zu respektieren (auch bei verschiedenen Meinungen und Vorlieben), dem Partner gut zuzuhören und sich in ihn einzufühlen sowie die eigenen Wünsche und Bedürfnisse offen zu kommunizieren.

 

Empirische Studien

Es gibt eine ganze Reihe von Untersuchungen und wissenschaftlichen Arbeiten zu diesem Thema. Voreilig wäre es anzunehmen, dass sich die Aussagen dieser Veröffentlichungen im Laufe der Jahre sehr schnell verändern (da ja auch die Gesellschaft sich ständig neu definiert). Es ist jedoch so, dass in den aktuellen wie auch in älteren Publikationen ähnliche, wenn nicht sogar identische, Schlussfolgerungen hervorgehoben werden.

 

Eine feste Partnerschaft wird in den meisten Untersuchungen als einer der wichtigsten Werte genannt, die für das Lebensglück benötigt werden. Zudem wünschen sich die meisten Menschen in fast allen Kulturen eine lebenslange intime Beziehung. Diese Haltung widerspiegelt sich auch in den offiziellen Statistiken zur Häufigkeit von Eheschließungen. Rund 85-90% der Bevölkerung heiraten mindestens einmal im Verlauf des Lebens und zwei Drittel der Geschiedenen gehen eine weitere Ehe ein.

 

Als Hauptmotiv für die Eheschließung gilt gemäß verschiedener Annahmen die Liebe. In der Tat geben über 90% der Befragten (selbst später geschiedener) an, dass sie zum Zeitpunkt der Eheschließung eine starke bis sehr starke Liebe zu ihrem Partner empfunden hätten. Ähnlich hoch liegen die Einschätzungen zur Partnerschaftszufriedenheit (Liebe und Partnerschaftszufriedenheit sind hoch interkorreliert).

 

Für 70% der jungen Deutschen gehören Ehe und eine eigene Familie zum Glücklichsein. Und dies in einer Zeit, in der über ein Drittel aller Ehen geschieden werden, der Lebensabschnittspartner und das Zusammenleben ohne Trauschein längst üblich sind. Haben Ehe und Familie nun doch nicht ausgedient?

 

Die Sehnsucht nach erfüllender Partnerschaft ist sehr stark im Menschen verwurzelt, dennoch macht sich eine zunehmende Angst vor Bindung und Beziehung breit. Nach jahrhunderterlanger Unterdrückung der Frau, der sexuellen Revolution und den Alice-Schwarzer-Feldzügen der Siebziger steht die Ehe nicht gerade positiv da. Zum verunsichernden Gemisch der Maßstäbe und Beziehungsmodelle kommt die Tatsache, dass eher falsche als nachahmenswerte Vorbilder unser Umfeld prägen: Ausgehaltene und ausgeschwiegene Ehen bei vielen Älteren, unverbindliche Beziehung-Light-Kultur, Patchwork-Familen und Alleinerziehende bestimmen unser Bild von Partnerschaft und Familie.

 

Die klassische Familie - Vater, Mutter, zwei Kinder - zerbricht. Zwei Kinder im Durchschnitt gibt es schon lange nicht mehr, die Ehen gehen immer öfter entzwei. Was früher als Schande galt, ist inzwischen voll akzeptiert: uneheliche Kinder oder Kinder von früheren Lebenspartnern in einer neuen Ehe. Prominentes Beispiel: Bundeskanzler Gerhard Schröder, der in vier Ehen Stiefvater gewesen ist, wobei keines der Kinder von ihm stammt. Kritiker dieser Entwicklung befürchten eine Gesellschaft mit unzähligen Singles, Hausgemeinschaften mit einem Eltern-Kinder-Gemenge und Nachwuchs, der von homosexuellen Paaren erzogen wird. Jede siebte Familie in Deutschland ist heute eine Patchwork-Familie.

 

Die neue Familienform bringt nach Ansicht von Psychologen und Pädagogen durchaus Vorteile. Nicht selten bringen Kinder aus Patchwork-oder Fortsetzungs-Familien ein höheres Maß an sozialer Kompetenz mit. So lernen sie etwa von ihren "neuen" Eltern, die beide eine Trennung durchgemacht haben, leichter Kompromisse zu schließen. Von der Politik wird die neue Familienform nach wie vor stiefmütterlich behandelt. Auch nach der Reform des Kindheitsrechts von 1998 wird die Patchwork-Familie gegenüber der Kernfamilie benachteiligt.

 

Psychologen betonen, dass das Streben nach individuellem Glück in einer Partnerschaft dominiert. Diese Glückssuche lasse sich nicht normativ regeln - die Menschen suchten sich ihre Wege selbst. Dabei bedeutet den neuen Paaren der Familienbegriff durchaus noch sehr viel. Allerdings tritt die Struktur deutlich in den Hintergrund. Ungleich wichtiger werde die Prozessqualität, das heißt, die Art und Weise, wie die Menschen miteinander umgehen. Selbstverwirklichung, Zusammenhalt und Unterstützung sind hier die zentralen Werte.

 

Risiken in einer Stieffamilie werden dann offensichtlich, wenn Konflikte aus Trennung und Scheidung noch nicht aufgearbeitet worden sind und Rivalitäten zwischen den Erwachsenen bestehen. Ein weiteres Risiko besteht darin, dass die zweite Partnerschaft noch nicht fest genug etabliert ist und sich möglicherweise wieder auflöst. Insgesamt zeigt sich die Patchwork-Familie als durchaus anfälliger als die klassische Familien-Konstruktion - mehr als die Hälfte der Stieffamilien wird wieder geschieden. Ein Hort der Glückseligkeit ist sie also sicher nicht. Aber sie ist eine Möglichkeit, neue Toleranz-Qualitäten zu entwickeln und zu leben.

 

Zum Schluss dieses empirischen Teils beziehen wir uns auf eine deskriptive Untersuchung, durchgeführt von Guy Bodenmann, die der Frage nachgeht, wie Jugendliche Partnerschaft und Ehe heute wahrnehmen, welche Erwartungen sie daran haben, nach welchen Kriterien sie ihren Partner auswählen und welche Bedeutung sie der Liebe und anderen Merkmalen intimer Beziehungen zukommen lassen. Weiter interessierte Bodemann die Frage, was Jugendliche denken, wie eine zufrieden stellende Partnerschaft längerfristig aufrechterhalten werden kann. Diese Fragen wurden bei einer Schweizer Stichprobe von ca. 300 Jugendlichen zu beantworten versucht.

 

Diese Untersuchung zeigt, dass der Partnerschaft eine herausragende Stellung aus der Sicht von Jugendlichen zukommt und dieser Bereich wichtiger als Geld, Karriere und Status angesehen wird. Auch die Ehe und Familiengründung, welche häufig als überholt betrachtet werden, werden von einer Mehrheit der Jugendlichen als wichtig beurteilt (oder anders ausgedrückt nur knapp ein Drittel der jungen Frauen und ein Viertel der jungen Männer bezeichnen die Ehe als unwichtig). Gleichzeitig zeigt sich, dass die Erwartungen an die Partnerschaft stark durch Konstrukte wie Treue, Geborgenheit und emotionale Sicherheit geprägt und auch bei der Wahl des Partners in hohem Masse entscheidend sind. Während Habermehl (1988) in einer deutschen Stichprobe gefunden hatte, dass sich rund 34% der Bevölkerung zwischen 16 und 39 Jahren eine Partnerschaft ohne gegenseitige Treue vorstellen können, decken sich Bodenmanns Ergebnisse stärker mit den Befunden der Untersuchung von Höpflinger (1989) an einer Stichprobe junger Zürcher Frauen im Alter zwischen 22 und 29 Jahren, von denen 91% Treue als für die Partnerschaft förderlich angegeben hatten. Die bei Bodenmann gefundenen Erwartungen bezüglich Geborgenheit und emotionaler Sicherheit decken sich zudem mit anderen Ergebnissen, welche die wichtige Bedeutung emotionaler Verbundenheit und Gefühlsaustausch in der Partnerschaft betonen.

 

Beeinflusst wird die Entscheidung für oder gegen das Eingehen einer Ehe heute stärker auf der Grundlage austauschtheoretischer Erwägungen und Kosten-Nutzen-Überlegungen bezüglich instrumenteller bzw. emotional-expressiver Komponenten. Was Partnerwahlkriterien angeht, wurden in Bodenmanns Untersuchung am häufigsten Ehrlichkeit, Verlässlichkeit und Kommunikationsfertigkeiten genannt. Interessanterweise wurden äußere Merkmale wie Attraktivität und Sexappeal sowie Ähnlichkeit nicht als relevante Partnerwahlkriterien bezeichnet. 

 

Interessant ist auch, dass die befragten Jugendlichen die Ehe mehrheitlich als lebenslanges Beziehungsgefüge verstehen. Umso ernüchternder die Aussage von rund einem Drittel der Jugendlichen, dass nichts dafür getan werden müsse, um die Liebe längerfristig zu erhalten und auch die Notwendigkeit von Präventionsangeboten für Paare und Partnerschaftsberatung eher gering angesehen wird. Auf der einen Seite steht die Vorstellung, dass die Partnerschaft oder Ehe langfristig glücklich und tragfähig sein sollte (die Vorstellung von Lebensabschnittbeziehungen konnte in Bodenmanns Untersuchung nicht nachgewiesen werden), auf der anderen Seite ist das Bewusstsein der Pflege der Paarbeziehung m. E. zu wenig verankert. Gleichzeitig gibt jeder fünfte Jugendliche an, dass die eigene Ehe später einmal in Scheidung enden könnte. Letztere Einschätzung liegt höher bei Jugendlichen, die aus einer Familie kommen, in welcher sich die Eltern scheiden ließen. Damit kann auf der Ebene der Erwartungen (vgl. negative Erwartungshaltung, self-fullfilling prophecy oder einfach realistischere Erwartungen?) die These der sozialen Vererbung des Scheidungsrisikos ebenfalls nachgewiesen werden.

 

Bodenmann schlussfolgert, dass eine Zielsetzung der Prävention bei jungen Paaren darin bestehen sollte, diese dafür zu sensibilisieren, dass Liebe und eine zufrieden stellende Partnerschaft nur so lange dauern, wie sie gepflegt und durch Kompetenzen belebt und bereichert werden. Die Irrmeinung, dass Liebe immer währen wird und nichts dafür getan werden muss, sollte jungen Paaren aufgezeigt und sie dafür sensibilisiert werden, dass notwendige Kompetenzen zur Führung einer zufrieden stellenden Partnerschaft rechtzeitig erworben werden sollten. Entsprechend sollten Paartherapeuten und Eheberater Einstellungen und Wahrnehmungen von Jugendlichen kennen, um diese auch bei ihrer Arbeit mitberücksichtigen zu können.

 

IP-Kollektion

Das individualpsychologische Verständnis der Liebe und Sexualität geht von der holistischen Auffassung aus, dass die erotischen und sexuellen Verhaltens- und Erlebensweisen wie alle anderen, Ausformungen des individuellen Lebensstils oder Bewegungsgesetzes sind. Während Freud zeigte, wie sich Sexuelles in Nichtsexuellem  ausdrücken kann, hat Adler diesen Kreis von der anderen Seite geschlossen, indem er darauf hinwies, wie sich im Sexuellen auch Nichtsexuelles ausformt. Er wollte im Sexualtrieb weder die hauptsächliche noch alleinige Motivationskraft im Seelenleben anerkennen.

 

Alfred Adler betrachtet die Liebe als eine Form der Zusammenarbeit und setzt die Fähigkeit zur Kooperation voraus: “Ein gutes und fruchtbares Liebesleben ist nicht denkbar ohne Anteilnahme an dem anderen Menschen und die Bereitschaft, mit ihm zusammenzuarbeiten.“ Die Liebe ist „eine Aufgabe für zwei Personen... (mit) eine(r) eigene(n) Struktur... (Sie) kann nicht nach Art einer Aufgabe für eine einzelne Person richtig gelöst werden.“ Als Voraussetzung für eine gelingende Liebesbeziehung nennt Adler die „Selbstverständlichkeit der Gleichheit“ im Sinne von Gleichwertigkeit für beide Partner.

 

Ein wesentliches Bestimmungsstück einer Liebesbeziehung besteht darin, sich dem anderen hingeben zu können. „Liebe... ist die innigste Hingabe an einen Partner des anderen Geschlechts“ (!). Dies zeigt sich deutlich in der Fähigkeit, sich in den anderen hineinzufühlen, d.h. „mit den Augen eines anderen zu sehen, mit den Ohren eines anderen zu hören und mit dem Herzen eines anderen zu fühlen.“ 

 

Um die ihr eigenen Gestalt einer gelingenden Liebesbeziehung hervorzuheben, wählt Adler Metaphern wie die des EINEN Wesens, zu dem beide in der Beziehung werden, oder die des Tanzes, Spieles bzw. der „Arbeit mit dem gleichen Gerät am selben Objekt“.

 

Adler steigert sogar noch das Merkmal der Hingabe, der Einfühlung und des Verstehens, indem er von den Liebenden fordert, sich in den Dienst des Partners zu stellen: „...wenn wir uns bemühen, sein Leben zu erleichtern und zu bereichern, machen wir selbstverständlich das Beste aus uns selbst“. Noch weiter geht er, wenn er sogar erwartet, „dass jeder von beiden mehr an den anderen denkt als an sich selbst“.

 

An derartigen Stellen mag der heutige Leser bedauern, dass Adler es versäumt hat eine Liebesbeziehung deutlicher von einer symbiotischen Verstrickung zu unterscheiden. In einigen Punkten erweist sich die Adlersche Konzeption der Liebesbeziehung als überholungsbedürftig. Am klarsten wird dies, wenn er in der Ehe die Erfüllung der Liebe sieht oder wenn er davon ausgeht, „dass die innige Hingabe in Liebe und Ehe am besten gesichert ist, wenn es vor der Ehe keine Geschlechtsbeziehungen gab“. Wenn wir jedoch von dem normativen Duktus seiner Sprache absehen, entdecken wir in Adlers Aussagen jedoch auch, dass die Liebe eine tiefe, ganzheitliche Bindung an einen anderen Menschen darstellt, der für seinen Liebespartner einzigartig und unverwechselbar und damit nicht austauschbar ist. Es geht um die Entscheidung für diesen Partner in seiner Ganzheit. Die vielen Sollaussagen Adlers verdecken, dass es sich bei der Liebe um ein Geschehen handelt, also Ereignischarakter hat und deswegen auch wie ein Geschenk oder gar eine Offenbarung erlebt wird. Die Adlerschen Auffassungen könnten fortgeführt werden, indem weitere psychologische Bedingungen herausgestellt werden, die es einem Menschen ermöglichen, für das Ereignis der Liebe frei und offen zu werden, für die Freude am eigenen Dasein und am Dasein des andern.

 

Darüber hinaus bedarf die Bedeutung der Sexualität in der erotischen Liebesbeziehung einer Aufarbeitung: Adler hat sich kaum mit den entwicklungsförderlichen und daseinssteigernden Funktionen der Sexualität befasst, dafür aber ausgiebig mit ihren Störungen.

 

In ihrem Buch „Liebe und Ehe: Zur Psychologie der Zweierbeziehung“ betrachten die Autoren Rattner und Danzer, zwei erfahrene Berliner Ärzte und Psychotherapeuten, aus dem Blickwinkel der Tiefenpsychologie, wie sie von Freud und Adler entwickelt wurden, das Menschheitsproblem "Liebe und Ehe". So beginnt der erste Aufsatz mit dem Titel „Was Menschen in Liebe und Ehe beieinander suchen und aneinander finden oder vermissen" mit Überlegungen Sigmund Freuds über Partnerwahl und dem Ehekonzept von Alfred Adler, wobei Adler wesentlich stärker als Freud an praktischer Menschenkenntnis interessiert war. Nach Adler sollte bei der Partnerwahl beachtet werden, ob der oder die Erwählte einen Beruf hat, ob er sich für andere Menschen interessiert, ob er emotional ausgeglichen ist, ob er zu Freundschaft und Gespräch fähig ist, ob er ein allgemeines Welt- und Kulturinteresse zeigt. Liebe und Ehe stellen ununterbrochen Anforderungen höchsten Grades an die beiden Beteiligten.

 

Die Gefühlsschulung scheint eine der wichtigsten Aufgaben, um sich liebend an die Mitmenschen anschließen zu können. Vor allem die Liebe lässt den Wert des Menschen erkennen, macht also wertsichtig. Der lieblose Mensch ist weitgehend wertblind. Nach Ansicht der Autoren muss der Akzent in Therapie und Erziehung auf der Gefühlspädagogik liegen. Gefühlserziehung sei der einzige Weg, der später zu einer sinnvollen Lebensgestaltung führe. Erich Fromm hat in seinem Buch „Die Kunst des Liebens" (1956) die Auffassung vertreten, dass Liebe für niemanden ein Geschenk des Himmels sei, sondern stets eine aktive Leistung des Menschen darstellt. Liebe ist Treue zu sich selbst, gleichwohl aber auch größtmögliche Hingabe.

 

Ein zentrales Thema in „Ehe und Partnerschaft“ ist der Seitensprung und die Prostitution. Schätzungen zufolge kommt es in drei Vierteln aller Ehen zu Seitensprüngen. Dahinter stehen oft Racheaffekte oder die Angst vor emotionaler Dauerbindung. Der Ausschließlichkeitsanspruch wird von den Autoren nicht hinterfragt. Ihre Darlegungen zur Sexualität der Prostitution haben die Absicht, auf den alltäglichen Sexualfaschismus hinzuweisen, der das Verhältnis der Geschlechter in vielen Fällen vergiftet.

 

Das Bedürfnis nach einer stabilen Zweierbeziehung scheint nach Ansicht der Autoren unausrottbar in der menschlichen Natur zu liegen. Wer sich nicht zur langjährigen Zweierbeziehung bekennt, beispielsweise lieber allein erziehende Mutter oder Single bleiben möchte, dem attestieren sie eine psychische Hemmung bzw. tiefsitzende Ängste, und überhaupt seien diese Menschen zu jeglicher Kooperationsfähigkeit unfähig. In solchen Äußerungen zeigen die Autoren eine gewisse konservative Haltung, und ihre Behauptung, die langjährige monogame Zweierbeziehung sei sogar anthropologisch verankert, kann man mit Blick auf die vielen unterschiedlichen Formen des Zusammenseins, die die Menschen in vergangenen Zeiten und an anderen Orten gefunden haben, gewiss nicht folgen.

 

2.4.4 Emotionale Kompetenzen

Einer alten japanischen Legende zufolge, forderte einst ein kämpferischer Samurai, einen Zenmeister auf, ihm Himmel und Hölle zu erklären.

Doch der Meister erwiderte verächtlich: “Du bist nichts als ein Flegel, mit deinesgleichen vergeude ich nicht meine Zeit!“

In seiner Ehre getroffen, wurde der Samurai rasend vor Wut, zog sein Schwert aus der Scheide und schrie: “Für deine Frechheit sollst du sterben.“

“Das ist“,gab ihm der Meister gelassen zurück, „die Hölle“.

Verblüfft von der Erkenntnis der Wahrheit dessen, was der Meister über die Wut gesagt hatte, beruhigte sich der Samurai, steckte das Schwert in die Scheide und dankte dem Meister mit einer Verbeugung für die Einsicht.

“Und das“, sagte der Meister, „ist der Himmel!".

 

Beschreibung des Konzepts

Unsere Gefühlswelt ist vielfältiger in unserem Alltag präsent als wir glauben. So verbinden wir nicht nur mit Personen, sondern mit jedem Begriff, mit jeder Erinnerung, mit jedem Erlebnis ganz bestimmte Gefühlsqualitäten (Urlaub, Schnurrbart, Ostern, Computer,...). Marcel Proust hat dies in seinem Roman „À la recherche du temps perdu“ wunderbar anhand einer ‚madelaine’ illustriert.  Durch diese, individuell geprägten, Gefühlsanteile des Denkens unterscheiden sich alle Menschen voneinander. Durch sie wird unser Gegenüber charakterisiert. Die (meist unausgesprochenen) Gefühle beim anderen zu ergründen (Empathie), bei sich selbst zu steuern oder zu verbergen ist wichtiger Bestandteil jeder zwischenmenschlichen Kommunikation: Sympathie, Respekt, Anstand, Loyalität und vieles andere beruhen darauf.

 

Emotionen bedingen ferner das Lebensgefühl, das uns nicht nur ständig begleitet, sondern auch Motor für unsere Aktivität ist. Ist die Stimmung gut, fällt uns die Arbeit leicht, ist sie schlecht, hängen wir herum. Hormone im Gehirn spielen hier eine entscheidende Rolle.

 

Hier nur kurz eine Hilfe zur Unterscheidung und Abgrenzung der Begriffe ‚Affekt’, ‚Gefühl’ und ‚Emotion’:

 

Der Affekt bezieht sich eher auf die körperliche Reaktion, die physiologische Aktivierung des unwillkürlichen (nicht kontrollierbaren) Nervensystems und damit die Ausschüttung verschiedener Hormone mit spürbaren Zeichen wie Herzklopfen, Erröten, Muskelanspannung, Harndrang etc.

 

Das Gefühl weist vielmehr auf das bewusste Erleben hin, die Eigenwahrnehmung unserer psychischen und physischen Gestimmtheit. Eine motorische Handlungsbereitschaft mit dem Ziel, unlustvolle Situationen zu verändern oder ihnen zu entkommen oder lustvolle festzuhalten. Wir verbinden mit dem ‚Gefühl’ eine expressive Komponente in der Aktivierung von Mimik, Gestik und Körperhaltung.

 

Die Emotion wäre das Gesamtgeschehen, die Summe von Affekt und Gefühl, also die körperliche Reaktion und die Eigenwahrnehmung.

 

Claude Steiner beschäftigt sich schon seit den 80er Jahren mit den Themen "emotionale Intelligenz und Kompetenz". Als Schüler von Eric Berne begründet er sein Gedankenmodell auf der Transaktionsanalyse: Emotionale Kompetenz ist für ihn „eine hoch entwickelte - von Liebe und Mitmenschlichkeit geleitete - Fähigkeit, eigene Gefühle wahrzunehmen und sie in ihrem Wesen und ihrer Komplexität identifizieren und verstehen zu können. Dazu gehört auch die Fähigkeit, sie mit anderen Menschen befriedigend auszutauschen und sie im Bedarfsfall auch kontrollieren zu können (Wenn z.B. nicht der richtige Zeitpunkt oder die richtige Gelegenheit dafür da ist.)“

 

Emotionale Kompetenz steht auch im Kontext mit den "soft skills", den sozialen oder überfachlichen Kompetenzen. Emotionale Kompetenz beruht auf Entwicklungen in fünf Bereichen, die eng miteinander verknüpft sind, nämlich auf der Entwicklung (und der Pflege) von

1.      der Aufmerksamkeit der Person für ihre eigenen Befindlichkeiten,

2.      ihrer Empathie mit ihren Mitmenschen,

3.      ihrer Fähigkeit, befriedigende zwischenmenschliche Beziehungen einzugehen,

4.      ihrem konstruktiven Umgang mit belastenden oder sozial problematischen Gefühlen und

5.       ihrer Fähigkeit, ihr Gefühlsleben zur Motivationssteigerung einzusetzen.

 

Das Konzept der emotionalen Kompetenz umspannt also die Entwicklung einer balancierten Persönlichkeit, das den Erwerb von Beziehungsfähigkeit, Bewältigungskompetenzen und Fähigkeiten zur Selbstregulation einschließt. All diese Kompetenzen sind notwendig angesichts des Dilemmas, zugleich spontan emotional zu reagieren und sein Wissen über Gefühle und deren Ausdruck in zwischenmenschlichen Beziehungen strategisch einzusetzen, und zwar in einer Weise, dass zugleich die interpersonalen Anliegen ausgehandelt werden können und die eigenen emotionalen Bedürfnisse im Wesentlichen befriedigt werden.

 

Emotional kompetentes Verhalten beinhaltet gewünschtes, nicht-manipulatives Geben und Nehmen von Anerkennung und Zuwendung jeder Art (Positive Strokes). Dadurch wird unser Herz in der Beziehung zum anderen geöffnet und ein wesentliches - empirisch belegtes Grundbedürfnis befriedigt.

 

Empirische Studien

Emotionale Kompetenz ist die Fähigkeit, unsere eigenen Gefühle und die anderer zu erkennen, uns selbst zu motivieren und gut mit Emotionen in uns selbst und in unseren Beziehungen umzugehen.

 

Einer der bekanntesten Pioniere auf diesem Gebiet ist sicherlich Daniel Goleman In einer umfassenden zweijährigen Untersuchung bei den Topmanagern und Führungskräften von mehreren großen Unternehmen (IBM, Pepsi, Volvo), hat Goleman untersucht, worauf es heute in der Praxis ankommt, um erfolgreich zu sein. "In den sechziger und siebziger Jahren konnte man Karriere machen, wenn man die richtigen Schulen besuchte und einen guten Abschluss vorlegte. Doch die Welt ist voll von gut ausgebildeten, einstmals viel versprechenden Männern und Frauen, die wegen entscheidender Mängel an emotionaler Intelligenz in ihrer Berufslaufbahn stecken geblieben oder schlimmer noch, gescheitert sind."

 

Worin drückt sich nun die emotionale Intelligenz im Betrieb aus? Von den Fähigkeiten, die als wesentlich für herausragende Leistungen erachtet werden, sind zwei Drittel emotionale Kompetenzen. Das restliche Drittel sind rein kognitive (IQ=Intelligenzquotient) oder technische Fähigkeiten. Emotionale Kompetenz hatte, verglichen mit dem IQ und dem fachlichen Können, doppeltes Gewicht. Dieses Ergebnis galt durchgängig für alle Arten von Jobs und in allen Arten von Organisationen. Eine Überprüfung dieses Resultates anhand der Ergebnisse von Tiefeninterviews, ausführlichen Tests und Evaluationen von Hunderten von Beschäftigten kommt zum gleichen Fazit. Emotionale Kompetenz trägt zu herausragenden Leistungen also doppelt soviel bei wie bloßer Intellekt und fachliches Können.

 

Und nicht nur in der Arbeitswelt sind die emotionalen Kompetenzen von Wichtigkeit. In allen Bereichen in denen zwischenmenschliche Beziehungen eine Rolle spielen ist der ‚emotional Kompetente’ im Vorteil.

 

Viele Menschen haben jedoch große Schwierigkeiten, ihre Emotionen mit anderen Menschen zu teilen, sich emotional angemessen auszudrücken, ja sogar ihre Emotionen überhaupt zu spüren. Erschwerend kommt hinzu, dass teilweise auch in unserer Gesellschaft die Vorstellung vorherrscht, Gefühle sind eher störend bei Entscheidungen und klarem Denken. Frauen und Kindern werden immer noch eher als Vertreter der emotionalen Seite gesehen, Männer sind mehr für das Rationale da. Diese Vorurteile werden übrigens von beiden Geschlechtern aufrechterhalten.

 

Gleichzeitig leben wir in einer Zeit, in der die Menge zu verarbeitender und ausgetauschter Informationen rasant zunimmt. Die Fähigkeit, Emotionen zu spüren, zu erleben und auszutauschen (also unsere emotionale Kompetenz) hält da nicht mit. Auf der anderen Seite werden Menschen erwiesenermaßen krank, wenn sie den emotionalen Aspekten ihrer Existenz keine oder nicht genügend Beachtung schenken. Dies ist leicht zu verstehen, wenn man erkennt, in welch enger Beziehung Emotionen zu den vier empirisch nachgewiesenen Grundbedürfnissen stehen: Bindung, Autonomie, Selbstwerterhöhung und Wohlbefinden.

 

Jede psychische oder psychosomatische Störung lässt sich auch als emotionale Störung verstehen. Als Beispiele seien hier stellvertretend die weit verbreiteten Depressionen, die Angststörungen, die Suchterkrankungen und die durch Stress ausgelösten Erkrankungen wie Herzinfarkt, Erschöpfungszustände, chronische Schmerzerkrankungen sowie Krankheiten des Verdauungstraktes zu nennen. Wenn wir unser Interesse auf die Welt ausrichten, die Nähe zu anderen Menschen suchen oder uns zurückziehen, ist dies von Emotionen begleitet, vielleicht sogar geleitet.

 

Transkulturelle Beobachtungen, Videoanalysen des emotionalen Ausdrucks, Untersuchungen von EEG-Mustern u.a.m. haben folgende Grundemotionen identifiziert, die insbesondere in ihrem motorisch-expressiven Teil eindeutig und transkulturell gleichartig erkannt werden: Freude, Trauer/Schmerz, Wut, Ekel, Überraschung, Furcht, Neugier/Interesse.

 

Gleichzeitig sind dies die wichtigsten beziehungsregulierenden Emotionen. Das bewusste Erleben der Emotionen bedeutet zugleich das Nachlassen der erlebten Emotion, d. h. erlebte Emotionen sind von begrenzter Dauer.

 

Bei den heftigen Emotionen entsteht ein hoher Erregungsgipfel und ein rascher Abfall, bei den schwachen Emotionen ist die Verlaufskurve flacher. Um sich selbst zu fühlen, sich lebendig zu spüren müssen Emotionen zugelassen, bewusst erlebt werden. Im Gegensatz dazu bestehen die verdrängten Emotionen fort, sie halten sich gewissermaßen frisch und können noch nach Jahrzehnten mit unverminderter Heftigkeit hervorbrechen. Erlebt und abgeklungene Emotionen bleiben jedoch nicht spurenlos, sie hinterlassen Engramme in einem affektiven Gedächtnis (das limbische System), das vor allem die gefühlshafte Tönung von Beziehungen zwischen der Person selbst und ihrer Umwelt speichert. Je früher im Leben die Ereignisse stattgefunden haben, desto eher wird sich nun die affektive Seite der Situationen und weniger an den konkreten Inhalt erinnert.

 

Die mit der Emotion verknüpfte Handlungsbereitschaft wird geringer, wenn die Emotion erlebt und zum Ausdruck gebracht werden kann. Gerade durch diese Entkoppelung von Ankündigung einer Handlung und ihrer Ausführung wird ein Freiraum für soziales Problemlöseverhalten geschaffen.

 

Werden die Emotionen nicht geäußert oder noch nicht einmal selbst wahrgenommen, dann besteht das Risiko, dass sie zu einer intrapsychischen Anspannung führen und damit zu einer dauerhaften physiologischen, vegetativen oder hormonalen Aktivierung, die ihrerseits mit körperlicher Gesundheit nicht vereinbar ist.

 

IP-Kollektion

Ab 1918 hat Alfred Adler die Förderung der sozio-emotionalen Kompetenzen in den Vordergrund  gestellt, indem er das Konzept vom „Gemeinschaftsgefühl“ entwarf. Der wissenschaftlichen Untersuchung der Entwicklung des Gemeinschaftsgefühls in den ersten Lebensjahren widmete er die nächsten Jahre. Nach Rüedi (2000) lassen sich zwei Adlerianische Bedeutungsvarianten von „Gemeinschaftsgefühl“, die ontogenetische wie die phylogenetische, empirisch abstützen (vgl. auch Nicolay, 2002). Und „Gemeinschaftsgefühl“ gilt auch heute noch als ein Kriterium für seelische Gesundheit. Ein „starkes Zusammengehörigkeits- und Gemeinschaftsgefühl“ (Ornish, 1999), „Bedürfnisse nach Bindung und Selbstwerterhöhung“ (Grawe, 1998) usw. sind wichtige motivationspsychologische Elemente und sollten dementsprechend in Prävention, Pädagogik, Beratung und Therapie berücksichtigt werden.

 

Im Laufe seiner theoretischen Entwicklung ist der Begründer der Individualpsychologie jedenfalls zum Standpunkt gelangt, „den Menschen als ein Gemeinschaftswesen zu betrachten“ (Menschenkenntnis, Adler 1927, 1972). Zu seinem Verständnis von seelischer Gesundheit gehörte das Erlebnis des Bewältigens der sog. Lebensaufgaben dazu. Als soziales Wesen braucht der Mensch eine Art sozialer Intelligenz, um die Lebensaufgaben zu lösen; als solche werden in der IP angesehen

- die sozialen Beziehungen und die Kooperation mit anderen Menschen,

- der Beruf (Schule, Fortbildung eingeschlossen),

- der Umgang mit Liebe, Erotik, Geschlechtlichkeit, Sexualität,

- die Kreativität (kreative Lebensgestaltung, künstlerische Gestaltung).

 

Für die Lösung, dieser Aufgaben, die nach Adler jedem Menschen gegeben sind, braucht es gewisse Kompetenzen, die er unter dem Begriff „Gemeinschaftsgefühl“ („social interest“, soziales Interesse) oder „Gemeinsinn“ („sensus communis“, „common sense“, soziale Vernunft) zusammenfasste. Adler hat bereits vor über siebzig Jahren erkannt, dass ein einseitig kognitives Intelligenzverständnis ungenügend ist und dass soziale und emotionale Kompetenzen unbedingt zu berücksichtigen sind. „Wir haben unter Vernunft eine allgemeingültige Kategorie zu verstehen, die durchaus zusammenhängt mit Gemeinschaftsgefühl“ (Psychotherapie & Erziehung Band 1; Adler 1928, 1982). Nach Rüedi (2000) stehen die Intelligenzforscher (Gardner, Goleman, ...), die den Intelligenzbegriff um personale, emotionale oder soziale Intelligenz resp. Kompetenz ausgeweitet haben, in der Tradition Adlers. Mittlerweile gibt es dazu ein ganzes Bündel von Theorien mit unterschiedlichen Akzentuierungen, die hier aber nicht alle dargestellt werden können (siehe weiterführend Roth, 1998).

 

Erwähnt seien jedoch die rezenten Forschungsergebnisse von C. Saarni (1999), der den Begriff emotionale Kompetenz vorzieht und dazu acht Teilfertigkeiten in vier Bereichen unterscheiden konnte. Diese vier Bereiche sind allesamt als wesentliche Konstituenten der seelischen Gesundheit anzusehen. Im Gleichklang mit Adler sieht er emotionale Intelligenz nicht als eine eigenständige geistige Fähigkeit, die separat zu messen wäre und versteht sie auch nicht als Eigenschaft, die dem Individuum von Anfang an in einer gewissen Quantität innewohnt, sondern sie ergibt sich aus dem transaktionalen Zusammenspiel von Person und Kontext im Lebenslauf. Die Person selbst erlebt dabei sozio-emotionale Selbstwirksamkeit (Kompetenzgefühl, „Eigenmachtgefühl“ nach Adler). Operationalisieren und unterscheiden lassen sich folgende Bereiche (mit ihren Teilfertigkeiten) dieser emotionalen Kompetenz:

- Selbst: sich seines eigenen emotionalen Zustands bewusst zu sein, später auch der eigenen Ambivalenzen und Verdrängungs- oder Sicherungsbestrebungen; seine Gefühle in Worte fassen zu können; zu wissen, dass innere (emotionale) Zustände und Ausdruck nicht immer deckungsgleich sind, und zwar sowohl bei einem selbst als auch bei anderen.

- Empathie: die Gefühle anderer Menschen erkennen und korrekt deuten zu können; sich anderen Menschen wohlwollend und empathisch zuwenden zu können.

- Zwischenmenschliche Beziehungen: Wie Gefühle (einander) mitgeteilt werden, bestimmt zum großen Teil die Qualität von Beziehungen.

- Bewältigung: in adaptiver Weise mit den eigenen Gefühlen fertig zu werden; emotionale Selbstwirksamkeit zu entwickeln in dem Sinne, dass man die eigenen emotionalen Erfahrungen akzeptiert, die gewünschte emotionale Stabilität findet und in Einklang mit den eigenen als gut und richtig erkannten moralischen Werten lebt.

- Nach Salovey und Meyer (und mit ihnen Goleman) käme noch die Zielorientierung hinzu, also die Fertigkeit, Emotionen in den Dienst eines Ziels zu stellen, wie etwa der Motivierung der Leistungssteigerung (Mittel-Zweck-Relation). Auch dies muss hier unbedingt festgehalten werden, da es ja gerade Adler war, der explizit und als erster Emotionsforscher auf die Teleologie/Finalität der Gefühle und der Gefühlsäußerungen, ob latent oder bewusst, hingewiesen hat.

 

Die Förderung dieser bereichsspezifischen Teilfertigkeiten gehört in jedes Gesundheitsförderungs- oder Präventionsprogramm! Nach Rüedi (2000) lässt sich das Adlersche Gemeinschaftsgefühl gut in inhaltliche Bestandteile wie Mut, Optimismus, Hilfsbereitschaft, Sozialkompetenz und Intuition zerlegen. In seinem Artikel „Vorbeugen ist besser als Heilen“ gibt auch er schon an, dass die Konzepte sich bewährt haben und durch die neuere Forschung Unterstützung gefunden haben. Seine Schlussfolgerung lautet: „Förderung des Gemeinschaftsgefühls oder – moderner gesprochen – Förderung von Sozialkompetenz, Förderung von emotionaler Intelligenz ist Prävention und von großer Tragweite für das individuelle Leben sowie für die gesamte Gesellschaft.“ Und etwas weiter heißt es: „Vor allem müsste unsere heutige Gesellschaft ihre soziale Verantwortung wirklich reflektieren, wie dies schon der frühe Adler 1898 in seiner ersten sozialmedizinischen Schrift gefordert hat“ (Rüedi, 2000).

 

2.4.5 Humor

Beschreibung des Konzepts

Humor wird definiert als die „Fähigkeit, Gabe eines Menschen, der Unzulänglichkeit der Welt und der Menschen, den Schwierigkeiten und Missgeschicken des Alltags mit heiterer Gelassenheit zu begegnen, sie nicht so tragisch zu nehmen und über sie und sich lachen zu können“.

 

Ab der Neuzeit wurden solchen Personen einen Sinn für Humor zugesprochen, die in der Lage waren, ungewöhnliche oder absurde Ideen zu entwickeln und diese in ihrem Handeln entsprechend umzusetzen. Dabei konnten diese Menschen Ihre Fähigkeit unter Beweis stellen, gerade solche Regeln auf den Kopf zu stellen, die den "Ernst des Lebens" definieren. Diese lustvolle Freude am Unsinn wird gemeinhin als "lustig" bezeichnet. Damit erweist sich Humor als Ausdruck einer geistigen Kapazität. Denn der humorvolle Mensch vollzieht willentlich eben das, was im Komischen ungewollt stattfindet: eine Grenzüberschreitung. Humor ist damit die kognitive Basis für eine spezifische emotionale Reaktion, die sich auch physiologisch auswirkt. Diese Humorreaktion entspricht einem Zustand von Erheiterung, der sich in seiner unverkennbarsten Form im Lachen äußert.

 

Der Humor wurde bereits in den zwanziger Jahren von Sigmund Freud als hoch stehender Abwehrmechanismus ("die siegreich behauptete Unverletzlichkeit des Ich") diskutiert und von Alfred Adler als eine die Therapie fördernde Grundhaltung gewürdigt. In den sechziger Jahren rückte dann Farrelly den Humor seinerseits ins Zentrum der ‚Provokativen Therapie’ und zeigte, wie viel mehr an therapeutischer Herausforderung den Klienten zugemutet werden kann, wenn es humorvoll geschieht. Aber auch wichtige Vertreter und Pioniere anderer Therapierichtungen hielten Humor für ihre therapeutische Arbeit bedeutsam. Aktualisiert durch die Ergebnisse der noch relativ neuen Lachforschung (Gelotologie) haben sich während der letzten 10 Jahre Veröffentlichungen zu Lachen und Humor auch in der psychotherapeutischen Fachliteratur vervielfacht. Während sich das physiologische Potenzial u.a. darin zeigt, dass Humor das Immunsystem beeinflusst, dass Lachen Schmerz reduzieren, Stressabbau, Durchblutung und Verdauung fördern, oder helfen kann, den Blutdruck zu senken, wirkt das emotionale, kognitive und kommunikative Potenzial des Humors nur dann konstruktiv, wenn die wichtigsten Grundbedingungen, Empathie und  Wertschätzung, oder die Bereitschaft von Therapeuten, auch die eigene Position gegenüber Klienten humorvoll beleuchten und relativieren zu können, erfüllt sind. Therapeutischer Humor induziert oft einen leichten Trancezustand, initiiert innere  Suchprozesse und kann die therapeutische Wirkung von  Metaphern, Umdeutungen oder Suggestionen verstärken. Innerhalb des Bezugsrahmens des Klienten eröffnen gemeinsam mit dem Therapeuten entwickelte humorvolle Phantasiereisen oft schnellen Zugang zu neuen Ressourcen und Perspektiven. Prophylaktisch avanciert der Humor als lernbare Fähigkeit zur coping strategy und somit von der Intervention zum therapeutischen Ziel.

 

Empirische Studien

Wie eben kurz angeschnitten hat das Humorerlebnis, das sich unverkennbar im Lachen äußert, positive Auswirkungen u.a. auf unsere Durchblutung und unser Immunsystem. Stresshormone werden abgebaut, Verdauungsdrüsen angeregt. Was das Lachen alles in unserem Körper bewirkt soll hier nun etwas detaillierter beschrieben werden.

 

Wenn wir so richtig herzhaft lachen legt sich die Nase in Falten, die Nasenlöcher weiten sich. Der Kopf wird zurückgeworfen, die Augen werden geschlossen. Der Zygomaticus-Muskel zieht den Mund nach oben und sorgt für einen glücklichen Ausdruck. Der Augenmuskel wird angespannt und aktiviert im Gehirn positive Gefühle. Der "Lachmuskel" spannt 15 Gesichtsmuskeln an, darunter die des Tränensacks, so dass wir "unter Tränen lachen können". Der Mund weitet sich, weil die Ein- und Ausatmung (stoßweise) vervielfacht wird. Dabei werden die Stimmbänder in Schwingung versetzt, so dass es die typischen stakkatoartigen Lachlaute gibt. Der Brustkorb wird gezerrt (manchmal schmerzhaft). Der Körper schaukelt hin und her. Das Zwerchfell "hüpft" und massiert die Eingeweide.

 

Lachen und Stressabbau: Lachen regt die Atmung an, so dass es zu einem beschleunigten Austausch von verbrauchter und sauerstoffangereicherter Luft kommt. Dadurch werden u.a. die Verbrennungsvorgänge im Körper gefördert. Kurzfristig erhöht sich die Herzfrequenz. Der Blutdruck steigt dabei entsprechend an. Doch nach wenigen Minuten stellt sich eine anhaltende Entspannungsphase ein, die unter der Dominanz des Parasympathicus steht: Der Herzschlag verlangsamt sich und verbleibt auf einem niedrigen Niveau. Dabei entspannt sich die Muskulatur der Arterien, so dass das Gefäßvolumen erhöht wird: Der Blutdruck wird dadurch längerfristig reduziert. Ebenso wird beim Lachen zunächst die Skelettmuskulatur angespannt, um sich allmählich dauerhaft zu entspannen. Dies ist nicht zuletzt für die Schmerzbehandlung von Bedeutung, da viele Schmerzen mit einer anhaltenden Muskelspannung verbunden sind. Außerdem wird in der Folge einer lachbedingten Entspannung der Hormonhaushalt reguliert, so dass der Überproduktion der Stresshormone Einhalt geboten wird. Hinzu kommt noch eine Ausschüttung von schmerzlindernden "Glückshormonen", den Endorphinen, die sich sonst nur selten (z.B. nach langem Joggen) im Blut nachweisen lassen. Daher vielleicht auch die Redewendung ‚sich ausschütten vor Lachen’.

 

Lachen und Immunabwehr: Aufgrund erster kontrollierter Untersuchungen amerikanischer Gelotologen (Lachforscher) kann angenommen werden, dass Lachen jene Blutinhaltsstoffe vermehren hilft, die der Immunabwehr dienen. Dazu gehören die T-Lymphozyten und T-Helferzellen, die bei der Abwehr von Krebs und kardiovasculären Krankheiten von Bedeutung sind. Lachen führt ferner zu einer Vermehrung der natürlichen Killerzellen, die bei der Eliminierung von geschädigten und entarteten Zellen von Bedeutung sind. Außerdem bewirkt Lachen die Zunahme von Immunglobulinen, "Antikörpern", die den Keimbefall im Bereich der Atmungsorgane hemmen. Auch das viel zitierte Gamma-Interferon ist im Blut von Menschen, die zuvor ausgiebig gelacht haben, vermehrt nachweisbar.

 

Könige vergangener Jahrhunderte hielten sich Hofnarren. Sie wussten offenbar, was ihrer Gesundheit zuträglich war.

 

Lachen schafft eine meditative Pause fürs Gehirn. Lachclubs und Lachseminare boomen – das Lachen wird neu entdeckt. Lachen ist wie Niesen. Mit einem wichtigen Unterschied. Es lässt sich verlernen. Erwachsene lachen durchschnittlich 15 Mal täglich. Kinder bringen es dagegen auf 400 Mal am Tag, wenn man Kichern, Wiehern, Grölen und alle andere Formen des Lachens zusammenzählt. Bedenklich finden es die Gelotologen (Lachforscher) dass das Lachen bei Erwachsenen immer stärker zurückgeht. Die Sorge, dass uns das Lachen vergeht, bewegt so viele Menschen dass eine ‚neue’ Bewegung entsteht: Lachclubs gründen sich, Lachseminare verkaufen sich und es gibt einen Welt-Lachtag. Der uralte Lach-Laut des Menschen entzieht sich dem Bewusstsein und ist willentlich nicht zu steuern. „Ha!“ ist die einzige Silbe, die ohne bewusste Modulation des Stimmapparats gebildet wird. In vielen amerikanischen Krankenhäusern gibt es schon fest angestellte "Humorberater". "Gelächterzimmer" wurden etabliert, und therapeutisch wirksame Humor- und Lachprogramme werden angeboten. Viele Krankenschwestern und (Kinder-) Ärzte haben sich zum "Klinik-Clown" fortgebildet. Diese erfreuliche Tendenz besteht auch in Deutschland, wo es eine Reihe von Vereinen gibt, die "Klinik-Clowns", bzw. "Clowndoktoren" ausbilden.

 

Englands staatlicher Gesundheitsdienst ist vom Nutzen des Humors als alternative Therapie so angetan, dass er nicht weniger als 900 Millionen Mark aufwendet, um Patienten in den Krankenhäusern zum Lachen zu bringen. Nicht aus Spaß, sondern mit dem Hintergedanken, den Genesungsprozess zu verkürzen, damit man die Patienten früher entlassen kann und mehr Geld spart als investiert wird. Zunächst war nicht geklärt, ob die professionellen Komiker, die nun für horrende Honorare aufgeboten werden, im weißen Kittel auf die Stationen geschickt werden. Gedacht ist nicht an Possenreißer, sondern an Meister ihres Fachs, Komiker vom Schlag eines Eddie Izzard und Jimmy Tarbuck, deren TV-Honorare das Einkommen der meisten Chefärzte übersteigen.

 

Initiator der Lachtherapie ist der in Amerika außerordentlich erfolgreiche Arzt Patch Adams vom Gesundheitsinstitut in Virginia. Er wurde eigens nach England eingeladen, um Chefärzten und Verwaltungsdirektoren großer Krankenhäuser des National Health Service die praktische Anwendung dieser Therapie zu erläutern. Wenn Adams ein Hospiz für Schwerkranke besucht, dann am liebsten als Engel verkleidet, samt Harfe. Er stellt sich den Patienten vor als "bevorstehende Attraktion". Über den "Nutzen" dieser Art von Galgenhumor mögen in der alten Welt die Meinungen auseinander gehen. In den USA ist Lachtherapeut Adams eine so große Nummer, dass Hollywood ihn für den Film entdeckte. Der Streifen mit dem Titel "Patch Adams" mit Robin Williams ist bereits für einen Oscar nominiert.

 

Aber nicht nur in Krankenhäusern wird Wert auf Humor gelegt, in vielen Unternehmen ist Lachen und Heiterkeit eine Rarität geworden. Job ist Job, das ist der Ernst des Lebens. Jedoch fühlen sich griesgrämige Angestellte weiniger wohl und bringen weniger Leistung. Deswegen gibt es in den USA Firmen, die auch Komiker oder Humorberater einstellen um die Stimmung in den Büros aufzupeppen und damit das „gesundheitliche Befinden der Mitarbeiter stärken“. So z.B. der Filmentwickler Kodak: Seit einigen Jahren können die Angestellten ihren Stress mit Hilfe von „Humorpausenräumen“ abbauen. In New York gab es derlei Zimmer voll mit Cartoons und Witzfilmen. In Zeiten eines angespannten Arbeitsmarktes, in denen die Arbeitsdichte immer größer, die Konkurrenz stärker, die Aufgaben vielfältiger werden, kann Lachen zum Effizienzhebel werden. „Lachen öffnet den Brustkorb und verbindet die rechte -künstlerische- und linke -logische- Gehirnhälfte miteinander. Leute, die viel lachen, bewegen sich mehr, sie sind klarer in ihrem emotionalen Ausdruck und haben oft eine klarere Orientierung im Bezug auf ihre Aufgaben und im Verhältnis zu ihrem Chef“, vermutet der Kölner Coaching-Experte Reisinger.

 

IP-Kollektion

Humor, als Ausdruck eines gesunden „Gemüts“, lässt sich „individualpsychologisch aus dem Überwiegen des ganzheitlichen Erlebens verstehen, aus der Ungeteiltheit der „Individualität“ und ihrer mehr oder weniger harmonischen Übereinstimmung mit dem Ganzen ihrer inneren und äußeren Lebenszusammenhänge“. Humor, ein besonderer Stil des Gemüts, versucht ungleiche und gegensätzliche Lebensbedingungen zu erreichen und auszugleichen.  Dabei erscheint der kämpferische Geist des Humors vornehmlich in seinem Witz. Der Zusammenprall von Vernunft und Unvernunft bringt den normalen Ablauf unseres Denkens zu einer Art Entgleisung.

 

Das sonst unbewusste Erhabenheitsstreben kann im Humor bewusst gemacht werden. Es kann aber auch eine unbewusste Identifizierung mit dem Erhabenen (Alfred Adler redet von „Gottähnlichkeitsstreben“) passieren. Im Humor zeigt sich die Begegnung mit dem Schatten des Erhabenen. Humor ist also der Mut zur Wahrheit des Ganzen, und somit auch die Bereitschaft zur Integration dieses Schattens. Individualpsychologisch gesehen ist der Humor die Integration der Angst vor Erniedrigung, Niederlage, Lächerlichkeit. Dabei wird die verkehrte Anstrengung des Gottähnlichkeitsstrebens bzw. des Überlegenheitskomplexes in ihrer Lächerlichkeit erkannt.  Sie ist das Komische im Humor, in dem sie sich zugleich darstellt und löst.

 

In der humorvollen Begegnung mit  der Unvollkommenheit ergibt sich für uns Menschen eine erlösende Erfahrung. Der Minderwertigkeitskomplex, der dadurch entsteht, dass wir unsere menschliche Unvollkommenheit nicht zu akzeptieren verstehen, löst sich auf sobald wir unsere wahre Unvollkommenheit verstehen.

 

Der „Witz“ ist zwischen den Polen Zynismus und Humor zu verstehen, in der Spannung also zwischen einem eher destruktiven und einem eher konstruktiven Umgang mit dem Unvollkommenen: Der Zyniker, nichts ahnend über die Angst seiner Unvollkommenheit, kann mit Hilfe des Witzes, auf andere, denen er sich unterlegen fühlt, herabblicken. Wilhelm Busch meinte Lachen sei „Ausdruck der gekitzelten Eitelkeit“. Der Witz zeigt sich hier eher in seiner entmutigten Art. Ganz im Gegensatz befindet sich der Witz in der Richtung zum Humor: Er bietet Material zur ermutigenden Kraft der Entfaltung und Selbstbehauptung des Gemüts.

 

Wenn wir in der Individualpsychologie über Humor reden, kommen wir nicht umhin die paradoxe Intention zu erwähnen. Viktor E. Frankl, der eigentliche Pionier des therapeutischen Humors, betonte, dass nichts den Patienten so sehr von sich selbst distanzieren lasse, wie der Humor und sich der durch die paradoxe Intention eingeleitete Einstellungswandel gerade in der Humorreaktion anbahne. Die paradoxe Intention ist eine der wichtigsten Behandlungsmethoden der Logotherapie, deren Begründer Frankl sie parallel zur individualpsychologischen Technik der Antisuggestion entwickelt hat.  Die Anweisung der paradoxen Intention sieht vor, „dass sich der Patient wünschen bzw. vornehmen soll, was er bis dahin so sehr gefürchtet hat“. Damit wird der pathogenen Erwartungsangst der Wind aus den Segeln genommen, zumal dann, wenn es gelingt die paradoxe Intention in möglichst humoristischer Formulierung zu vermitteln. Hier wird eine umfassende Einstellungsänderung des Patienten angestrebt.  So bittet man z.B. einen Menschen der Angst vor dem Erröten hat, er soll sich einfach wünschen der Beste im Rotwerden zu sein, damit er allen anderen Menschen zeigen kann wie gut seine Durchblutung doch funktioniert. Der Patient gewinnt sein „Urvertrauen zum Dasein“ zurück, er kann seine Existenz umstellen. Die paradoxe Intention kann z.b. bei phobischer Erwartungsangst, zwanghafter Selbstbeobachtung oder Zwangsneurosen    angewandt werden, da hier die andauernde Wirkung eines Teufelskreises zum Tragen kommt, der eben jene Angst hervorruft, vor der sich der Patient so fürchtet.

 

Kapitel 3:          Praktischer Teil des Kurses

3.1 Rahmenbedingungen des Kurses

Um eine hohe Qualität der Kurse bieten zu können, haben die Autoren mehrere Rahmenbedingungen ausgearbeitet. Diese können als minimale Voraussetzungen verstanden werden, damit der Kurs "Seele und Gesundheit" auch die beabsichtigte Wirkung erzielen kann.

 

Der modulare Aufbau des Kurses erlaubt gegebenenfalls die Verwendung verschiedener Module in anderen Zusammenhängen und für andere Klienten. Im Falle solcher Verwendung sollte aber vorher abgeklärt werden ob die Form passt.

 

Ziele des Kurses:

Der Kurs „Seele und Gesundheit“ soll einem breit gefächerten erwachsenen Publikum ein sinnvolles, praxisorientiertes Angebot bieten welches, effizient und dynamisch, Stressbewältigungsmethoden und Strategien zu allgemeinem besseren Wohlbefinden vermittelt.

 

Der Kurs bietet den Teilnehmern die Möglichkeit verschiedene Ziele zu erreichen:

- Verringerung der generellen Erregungsschwelle;

- Erlernen des Autogenen Trainings mit all seinen positiven Auswirkungen;

- gruppendynamisches Erlernen von neuen Stressbewältigungsstrategien;

- Verbessern des allgemeinen und insbesondere des sozialen Wohlbefindens;

- Erweitern des Wissens über gesundheitsfördernde Maßnahmen, sowie deren praktische Umsetzung.

 

Zielgruppe:

Der Kurs richtet sich vor Allem an Menschen welche folgenden Kriterien entsprechen:

  1. Erwachsene Männer und Frauen zwischen 22 und 101 Jahren. Die Ressourcen der Teilnehmer sind im Erwachsenenalter nämlich ähnlich gelagert und verhindern dass vorhersehbare Generationskonflikte (z.B. mit Jugendlichen) im Kursverlauf belastend eingebracht würden.
  2. Die Erfahrung in der Gruppe bringt eine Stärkung des Selbstwertes und kann eine wertvolle Ergänzung zur Einzelberatung / -therapie darstellen. Der Kurs ist also geeignet um individuelle Beratungen oder Therapie zu unterstützen.
  3. Chronisch Kranke „mit und ohne diagnostizierten Krankheitsbefund“ (somatoforme Störungen): Erkenntnisse über psychosomatische Zusammenhänge, sowie die Verbesserung der psychisch-emotionalen Komponente helfen auch Krankheitsbilder zu lindern und Heilung zu unterstützen.
  4. Allgemeine Gesundheitserhaltung und Psychohygiene: Das Erlernen von Stressbewältigungskompetenzen sowie das Wissen über gesundheitserhaltende Techniken haben eine sehr gute vorbeugende Wirkung gegen Krankheit und  helfen belastende Situationen besser zu bewältigen.

 

Der Kurs ist jedoch nicht für alle Problembereiche uneingeschränkt sinnvoll. Menschen, bei denen die nun folgenden Eigenschaften/Krankheiten im Vorfeld schon offensichtlich sind, sollten die Teilnahme auf jeden Fall vermeiden:

  1. Psychotisch Erkrankte: Die Fähigkeit sich und seine Mitmenschen differenziert wahrzunehmen und die Gruppe als förderlich zu erkennen sind eine Grundvoraussetzung für die Teilnahme am Kurs.
  2. Schwer suchtabhängige Menschen: Hier ist die Suchtproblematik vorrangig zu behandeln, ehe eine sinnvolle Teilnahme an einem solchen Kurs möglich ist.
  3. Menschen ohne minimale kommunikative Kompetenzen sowie mit hoher sozialer Ängstlichkeit, Menschen nach akuten Traumatisierungen (z.B. Banküberfall, Vergewaltigung, usw.).
  4. Kinder und Jugendliche: Die Themen unseres Kurses sind ausdrücklich auf ein erwachsenes Publikum zugeschnitten.

 

Mittels eines Fragebogens welcher vor dem Kurs verschickt wird, wird versucht diese Problematiken bei den eventuellen Teilnehmern aufzudecken und gegebenenfalls (nach Rücksprache mit diesen Menschen) von einer Teilnahme am Kurs abzuraten und andere Therapiemöglichkeiten vorzuschlagen.

 

Eine große Diversität der Teilnehmer hinsichtlich Geschlecht, soziale Herkunft und Alter, ermöglicht ein lebendigeres Gestalten der Kurse und hilft den Kurs lebendig zu gestalten.

 

Teilnehmende Arbeitskollegen, insbesondere wenn sie in einem hierarchischen Verhältnis zueinander stehen, sollten sich die Teilnahme überlegen, da der Gewinn für den Einzelnen, durch entstehende Befangenheit, hier doch stark eingeschränkt sein kann.

 

Ehepaare können diesen Kurs als hilfreich erleben, der Kursleiter ist aber gefordert die paareigene Dynamik genau zu verfolgen und auf eine unterstützende Haltung des Paares, auch zwischen den Kursen, zu achten.

 

Wir möchten ausdrücklich darauf hinweisen dass das Konzept zielgruppenspezifisch ist, und die Arbeit mit Kindern oder Jugendlichen andere Vorgehensweisen benötigt.

 

Organisation:

Der Kurs ist auf Gruppen einer Größenordnung von 15 bis 20 Teilnehmer ausgelegt, mit einer optimalen Teilnehmerzahl von 16 Personen.

 

Räumlichkeiten:

Die Dynamik welche in der Gruppe angestrebt wird verlangt (optimalerweise) einen Raum welcher:

 

- mindestens 60m2 groß ist und gut durchlüftet werden kann;

- ein angenehmes geruchsneutrales Raumklima besitzt;

- akustisch angenehm und eventuell isoliert ist;

- einen Boden besitzt der sich zum Hinlegen eignet.

 

Außerdem sollten die Teilnehmer wenn möglich stressfrei zum Raum gelangen können, also nicht durch lästige Parkplatzsuche oder sonstige Behinderungen aufgehalten werden. Ein kleiner Fußmarsch ab dem Parkplatz ist natürlich von Vorteil, ermöglicht er doch ein gewisses Abschalten vom Alltag und ein "zufälliges" Begegnen der Teilnehmer vor dem Kursbeginn.

 

Die logistische Organisation verlangt, dass:

- die Moderatoren zwischen den wöchentlichen Kursen Zeit und Möglichkeit haben den Kurs zu besprechen und Dokumente auszutauschen (z.B. über E-Mail).

- die Möglichkeit besteht große Volumina zu kopieren für Hand-outs (Dokumentation für die Teilnehmer), Projektionsfolien, Kursunterlagen, …

 

Für die Moderation des Kurses werden eine Reihe Materialien benötigt.

 Technische Ausstattung:              

Leinwand/Projektionsfläche*

Projektor oder Overhead*

Laserpointer

 

Moderatorenkoffer: Namensschilder, Fischbilder, Dokumente, Klebstoff, Farbstifte, Folien, Kulis, Ikonen (Memotafeln), Stoppklammern, Körperbildschemas

 

Anderes Material: Große Stoppschilder,

 

Die Einschreibung, der Weg zum Kurs:

Man sollte die allgemeine und offene Ausschreibung nicht aus den Augen verlieren. Der Kurs sollte nicht einem bestimmten Kundenkreis „reserviert“ sein. Die Bekanntmachung (mittels Faltblätter und Mund-zu-Mundpropaganda) sollte mindestens zwei Monate vor Beginn stattfinden. Das Faltblatt ist vorstrukturiert um einen guten Wiedererkennungswert zu garantieren (siehe Anhang). Sobald die Mindestanzahl von Teilnehmern (15) erreicht ist, wird diesen mit der Bestätigung der Annahme ein Fragebogen für die Vorbefragung zugeschickt (siehe Anhang).

 

Hierbei ist auch darauf zu achten, dass

- Anmelde- und Bezahlmethoden klar und überschaubar organisiert sind (schon auf dem Faltblatt ist klar aufgegliedert auf welches Konto die finanzielle Beteiligung überwiesen werden soll);

- Inhalte des Kurses sowie deren Ort und Zeitpunkt sollen den Teilnehmern schon beim ersten Lesen des Faltblatts klar erkennbar sein.

 

Die Einschreibekosten sollten die Materialkosten decken und ein Honorar für die Moderatoren beinhalten welches dem Arbeitsaufwand Rechnung trägt.

 

Die Kosten sollen für die Teilnehmer immer in einem angemessenen Rahmen bleiben und dem Sinne des Breitenangebots entsprechen.

 

Kursleiter

Der Kurs wird von zwei Moderatoren geleitet. Es sind mindestens neun Kurseinheiten à 90 Minuten. Bei mehr als 17 Teilnehmern wird der Kurs von drei Moderatoren geleitet.

 

Die Kursleiter sollten folgende Eigenschaften pflegen um die Wirksamkeit der Kurse zu fördern:

- humorvoll sein und Gelassenheit im Alltag üben;

- eine kooperative Grundhaltung besitzen;

- Empathie sowie den „Blick für die Gruppe“ aufweisen;

- den Menschen mit großer Wertschätzung begegnen;

- offen für die Sorgen der Menschen sein und professionell mit Informationen umgehen können.

 

Alle in der Individualpsychologie geförderten menschlichen Eigenschaften sind beim Abhalten der Kurse förderlich und das Adlerianische Menschenbild sollte in jedem Kurs gepflegt werden. Wir berufen uns hier ausdrücklich auf die von Lucien Nicolay (2003) erarbeiteten Ausführungen über die anthropologischen Axiome:

 

Das Menschenbild des IPSM®, das von der Gleichwertigkeit aller Menschen ausgeht, fasst sich wie folgt zusammen:

- Der Mensch wird als unteilbare Ganzheit begriffen, wobei alle  seine Lebensäußerungen (Denken, Fühlen, Handeln) in einem funktionalen Zusammenhang stehen.

- Der Mensch ist eingebunden in ein soziales Netzwerk; seine Grundprobleme sind psychosozialer Natur.

- Alles Leben ist Bewegung, Mobilität und auf Wachstum sowie freie Entfaltung ausgerichtet.

- Der Mensch ist schöpferisch und fähig zur Selbstbestimmung und Selbstregulation.

- Die Persönlichkeitsdynamik wird durch eine Vielzahl subjektiver Ziele, Ideale und Werte mitbestimmt.

- Persönliche Freiheit und soziale Verantwortung schließen sich keinesfalls aus.

- Jeder Mensch hat ein Recht auf Selbstverwirklichung innerhalb der menschlichen Gemeinschaft und auf Anerkennung für seinen einzigartigen Beitrag zur Gemeinschaft/Menschheit.

- Das gezeigte Gruppenverhalten (Miniatursituation) ist repräsentativ für das Verhalten im sozialen Feld oder in sozialen Interaktionen schlechthin.

 

Die Einstellungen, Erwartungen, Motive, Erlebens- und Verhaltensmuster des Individuums in Interaktion mit anderen beschränken sich nicht auf eine bestimmte Situation, sondern entsprechen seinem „persönlichen dynamischen Lebensstil“, der entschlüsselt und verstanden werden kann.

 

3.2 Methodisches Vorgehen

Unter Methode verstehen wir den Weg, den wir einschlagen, um zu einem im Voraus gesetzten Ziel zu gelangen. Ein Hauptziel des Kurses ist die Förderung der psychischen und körperlichen Gesundheit über den Weg eines Herabsetzens des individuellen Stress-/ Erregungsniveaus. Daneben wollen wir die individuellen Kompetenzen und Ressourcen der Teilnehmer in einem positiven Rahmen fördern. Wir arbeiten in der Großgruppe, Gruppe von 15-20 Mitgliedern, welche mit dem Ziel des gemeinsamen Lernens im weitesten Sinn über längere Zeit zu regelmäßigen Terminen zusammen kommen.

 

Methodenvielfalt

Eine Vielzahl von Methoden können zum oben genannten Ziel führen: grob lassen sich zwei Kategorien von Stressbewältigungsstrategien unterscheiden.

- Entspannungstechniken

- Kognitive und verhaltenstherapeutische Methoden, mit Einüben von alternativen Denkschemen und Verhaltensmustern (Bspw: Grübel-Stopp; Gelassenheit…)

 

Bei den Entspannungstechniken liegt der Schwerpunkt auf dem Autogenen Training; für das Erlernen dieser Technik sind in den neun Kurseinheiten theoretische Hintergrundinformationen sowie die dazugehörenden Übungen wieder zu finden.

 

Daneben bieten wir in jeder Kurseinheit eine alternative Entspannungsmethode an (Jacobson, Sensorische Entspannung). Dies ermöglicht den Teilnehmern ein Kennenlernen und aktives Ausprobieren von möglichst vielen Techniken. Wir versuchen hiermit der Individualität der einzelnen Kursteilnehmer gerecht zu werden: jedes Individuum spricht auf seine ganz persönliche Art und Weise auf diese oder jene Technik an. DIE Entspannungstechnik, welche für jedermann Gültigkeit hätte, gibt es nicht; die Teilnehmer finden selbst heraus, welche Technik ihrer Persönlichkeit und ihren Bedürfnissen am meisten gerecht werden kann.

 

Die einzelnen Kurseinheiten haben einen immer wiederkehrenden Ablauf: Blitzlicht – Alternative Entspannungsmethode – Tagesthema – Hausaufgabe – Autogenes Training – Gute Nachtgeschichte. Diese Kontinuität im Aufbau der Einheiten liefert den Teilnehmern (sowie den Moderatoren!) eine Orientierung: der Aufbau ist überschaubar, transparent, ein Aspekt der helfen kann, mögliche Unsicherheiten abzubauen.

 

Unser didaktisches Vorgehen soll die Voraussetzungen für optimale Aufmerksamkeitsbereitschaft und Aufnahmefähigkeit bei den Teilnehmern schaffen; mit dem Wechselspiel unterschiedlicher Methoden wollen wir die Motivation der Teilnehmer aufbauen und über längere Zeit aufrechterhalten.

 

Wir versuchen dabei folgende Pole im Gleichgewicht zu halten:

 

Passivität - Aktivität

Theorie – Praxis

Individuum - Gruppe

 

Der theoretische Input lässt sich durch praktische Übungen ablösen; nach einer Zeit des passiven Aufnehmens, der Ruhe, kann der Körper aktiv werden. Die Gruppe soll in Bewegung bleiben. So sorgen wir für den nötigen Ausgleich.  

 

Individuelle Arbeit wie Reflexion oder Introspektion, Austausch in Zweiergruppen oder in der Kleingruppe, Rollenspiele, Zusammentragen im Plenum; all dies sind Elemente, welche wir in unserem methodischen Vorgehen miteinbeziehen. Auch der Tageszeit versuchen wir Rechnung zu tragen.

 

Das Angebot soll möglichst viele Sinne ansprechen: visuell, akustisch, körper- und bewegungsorientiert. Beim theoretischen Input verwenden wir Projektionsmaterial, welches kurz, prägnant und ansprechend das Vorgetragene illustriert und so die Aufmerksamkeit bindet. Des Weiteren arbeiten wir mit viel mit Ikonen, bildhaften Darstellungen, welche den Teilnehmern die Lerninhalte wiederholt ins Gedächtnis rufen.

 

Wechsel zwischen Plenums- und Kleingruppenarbeit

Ziel dieser Arbeitsweise ist es, möglichst viele Teilnehmer gleichzeitig an Diskussionen und Aktivitäten zu beteiligen. Generell gesehen gibt die Kleingruppe mehr soziale Nähe und Sicherheit: es ist für die Teilnehmer einfacher, sich im kleinen Kreis zu Wort zu melden. “Wenn die Kleingruppen zum Berichten über die Arbeitsergebnisse angehalten werden, tragen diese Teilnehmerberichte zur Strukturierung der gesamten Arbeit bei und wirken sich (…) ermutigend aus” (Brunner & Titze)

 

Lernen am Modell (stellvertretendes Lernen)

Die Arbeit in und mit der Gruppe ermöglicht das Erfahren gruppendynamischer Prozesse. In diesen Erfahrungen liegt ein Lernpotenzial für die Gruppe als Ganzes aber auch für den Einzelnen. Die Ressourcen des Individuums können in der Gruppe (bspw. beim Blitzlicht: “Also das find ich wirklich super, dass Sie ohne regelmäßiges Üben schon ganze 180 Minuten in einem entspannten Zustand bleiben!!") durch den Moderator gefördert werden und sind so zugleich Beispiel für die anderen Teilnehmer.

 

Der Austausch über erzielte Erfolge beim Üben respektiv über aufgetretene Probleme ist bereichernd. Wenn ein Gruppenmitglied bereits gute Resultate erzielt hat, so kann es indirekt als Modell für die anderen fungieren; die implizite Schlussfolgerung welche die anderen Teilnehmer für sich ziehen, könnte vielleicht lauten: “Aha! Bei regelmäßigem Üben ist mit einem Resultat zu rechnen.“ Treten bei Teilnehmern Probleme auf, so können diese notfalls durch Berufung auf Erfahrungen von Personen aus früheren Kursen relativiert werden. (So rief eine Teilnehmerin erst Monate nach dem Kursabschluss bei einem der Moderatoren an, um freudig zu bestätigen, dass sie jetzt endlich die SCHWERE richtig verspüre!)

 

Die Identifikation mit Gruppenteilnehmern, bei denen ebenfalls Probleme aufgetreten sind (“Ich bin nicht die Einzige, die noch nicht loslassen kann!”) schützt den Einzelnen vor Demotivation. Die antizipierte Identifikation mit Teilnehmern, welche bereits gute Resultate erzielen, wirkt sich fördernd auf die eigene Motivation aus.

 

Die Kleingruppenarbeit ermöglicht uns eine vertiefte Be- und Verarbeitung von Themen und Lösungsansätzen; sie erlaubt dem einzelnen Teilnehmer sich mit einzubringen, ohne dass die Hemmschwelle, sich gegenüber einer Gruppe zu äußern zu groß wird. Die Kleingruppe gibt dem Individuum mehr Raum und Aufmerksamkeit; hier laufen mehr Interaktionen ab als in der Großgruppe. Die Qualität der Interaktionen ist auch eine andere, da die Interaktionen zumeist intensiver, persönlicher sind.

 

Durch die Bildung von Kleingruppen können die Kursteilnehmer sich besser kennen lernen (wir achten bei der Bildung der Gruppen darauf, dass die Zusammensetzung  dem Zufall überlassen wird).

 

Moderation

Zielsetzung und methodischer Ablauf des Kurses benötigen eine intensive Leitung. Dabei muss das Moderatoren-Team sowohl das Individuum als auch die Gruppe als Gesamtheit im Auge behalten, dies auch im wörtlichen Sinn des Wortes: Blickkontakt zwischen Kursteilnehmer und Moderator sind wichtig (implizite Botschaft: “Du bist wahr genommen” – « Du hast deinen Platz »). Die Moderatoren haben es sich zum Ziel gesetzt, mindestens einmal pro Abend mit jedem Teilnehmer bewusst Blickkontakt aufzunehmen. Um dies zu gewährleisten, sind mindestens zwei, bei Gruppen über 17 Teilnehmer idealerweise drei Moderatoren, nötig.

 

Der Moderator ist der Methodenspezialist; seine Aufgabe ist es, der Gruppe den Weg zum Ziel zu weisen und die geeigneten Methoden und Techniken zur Verfügung zu stellen. Durch die Team-Moderation entsteht die Möglichkeit entspannter, aber auch gezielter zu arbeiten (auf das Individuum ausgerichtet). Der jeweils „passive“ Moderator kann beobachten und ggf. ein Feed-back für Moderator resp. andere Gruppenteilnehmer geben.

 

Nebenbei - durch die Arbeitsteilung sorgen die Moderatoren auch für sich selbst! (geteilte Arbeit, Entwicklungsmöglichkeiten, Bereicherung für persönliche Entwicklung, durch positive Spiegelung und durch Ansporn, über sich selbst hinaus zu wachsen).

 

Für den Gruppenprozess sind klar und eindeutig formulierte Anweisungen hilfreich: dies setzt ein didaktisches Handeln  voraus, vor allem bereits in der Planungsphase, wobei spontane Veränderungen, welche sich aus dem gruppendynamischen Prozess heraus als notwendig erweisen immer möglich sind. Das Moderatoren-Team versucht flexibel auf die Gruppenparameter zu reagieren (bspw. bei allgemeiner Trägheit – Einbauen von Auflockerungsübungen).

 

Komplexe Anweisungen werden Schritt für Schritt an die Gruppe weitergegeben, immer nur eine zur selben Zeit. Beim Erteilen von Anweisungen sollen parallel keine anderen Aktivitäten ablaufen (wie bspw. das Verteilen von Material raschel-raschel); dies lenkt die Aufmerksamkeit zu sehr ab und kann zu Konfusion führen. Auch sollte für die Gruppe ersichtlich sein, welcher Moderator für welchen Teilabschnitt zuständig ist: bspw. kann der “scheidende Moderator” den folgenden namentlich ankündigen, diesem das Wort offiziell übergeben.

 

Subjektorientierung

Wie in modernen Konzepten der Gesundheitsförderung üblich, legen wir bei unserem methodischen Vorgehen großen Wert auf eine spezifisch individuelle Ausrichtung. Der Einzelne ist nicht nur Teil der Gruppe, er wird auch individuell wahrgenommen. Dies beginnt bereits in der Planungsphase, wo wir anamnesische Daten zu den Teilnehmern anhand eines Fragebogens (siehe Anhang) einsammeln (einen Monat vor Kursbeginn): bspw. kritische Lebensereignisse in jüngster Zeit, Erfahrungen mit Entspannungstechniken, vegetative Störungen, Medikamente, soziale Eingebundenheit, Zufriedenheit auf der Arbeitsstelle). Die Informationen aus diesen Unterlagen ermöglichen einen Einblick in die Lebens- und Erlebniswelt der einzelnen Kursteilnehmer mit ihren Belastungen, Spannungen, Problematiken u n d Ressourcen. Dies sind Informationen, die für die Planung der Module, aber auch bei gruppendynamischen Prozessen wichtig und hilfreich für die Moderatoren sind.

 

Zu Beginn jeder Kurssitzung wird den Teilnehmern ein Namensschild ausgehändigt, was die persönliche Anrede ermöglicht. “Mit dem Namen angesprochen werden” – zeugt von der Wertschätzung, die wir den Teilnehmern entgegenbringen wollen. Im Blitzlicht kann jeder Teilnehmer zu Wort kommen (siehe Freiwilligkeit). Die Aussagen der Teilnehmer werden schriftlich festgehalten – sie sind als Memo-Hilfen für die Moderatoren gedacht, die gegebenenfalls auf Aussagen zurückgreifen können, wenn dies für den Lernverlauf von Interesse ist. Dabei bevorzugen wir eine subjektive Bezugsnormorientierung, d.h. wir richten unsere Aufmerksamkeit auf individuelle Fortschritte der einzelnen Teilnehmer („...d.h. Sie haben in der letzten Woche noch öfter geübt als in der Woche zuvor.....“).

 

Eigeninitiative und Kreativität versuchen wir bei den Teilnehmern zu unterstützen, indem wir lösungsorientiert an den individuell vorhandenen Fähigkeiten anknüpfen: bspw. Übungseinheiten, in denen Strategien der TN gesammelt werden, um so eine möglichst vielfältige Palette für die Gruppe zusammenzustellen. Negatives Erleben versuchen wir zu  vermeiden. Das was zählt sind die Ressourcen – nicht die Mangelzustände!

 

Bei auftretenden Problemen werden Lösungsvorschläge und Alternativen an den Einzelnen weitergereicht: “Sie könnten die Übung im Sitzen probieren”.

 

Spaltet sich die Großgruppe in Kleingruppen auf, so gesellt sich pro Gruppe ein Moderator hinzu (wenn die Aufgabe das vorsieht). Hier kann der Teilnehmer wiederum als Individuum angesprochen werden.

 

Tauchen im Laufe des Kurses bei einem Teilnehmer Belastungen auf, die bei ihm Leidensdruck entstehen lassen, welcher der Betroffene nicht alleine mindern kann, so können wir parallel zum Kurs, je nach Disponibilität auch individuelle Beratung/Therapie anbieten, ggf. an andere Adressen weiterleiten. Auf diese Möglichkeit weisen wir die Teilnehmer bereits in der ersten Stunde hin.

 

Flexibilität

Das Programm der einzelnen Sitzungen kann dem Bedarf der Gruppe kurzfristig angepasst werden. Beispielsweise wenn mehrere TN beim Blitzlicht Schwierigkeiten mit der Atemübung erwähnt haben, so können wir für die alternative Entspannungsübung den Atmungsteil überspringen oder eine gekürzte Version einbauen, um so dem Problem nicht noch mehr Aufmerksamkeit zu widmen.

 

Prinzip des Hier- und Jetzt-Lernens

Nach Bradburn (1969) hängt allgemeines Wohlbefinden mit dem Verhältnis zwischen dem Erleben von positiven und negativen Emotionen zusammen. Langfristig ist eine Person folglich zufriedener, je mehr positive und je weniger negative Emotionen sie in ihrem Alltag erfährt. Das Erleben von kurzfristigen Glücksgefühlen führt somit längerfristig zu einem verbesserten allgemeinen Wohlbefinden, wenn die Bedingungen für das Glück erkannt und wiederholt werden können.

 

Für unser Vorgehen bedeutet dies, dass wir die von uns vermittelten Gesundheitsprinzipien soweit wie möglich im Kurs gegenüber uns selbst (Gelassenheit, Mut zur Unvollkommenheit, Selbstfürsorge, gegenseitige Ermutigung, Selbstironie etc.) und gegenüber den Teilnehmern (freundlich auf sie zugehen, Interesse zeigen, emotionale Unterstützung durch Äußern von Wertschätzung, Sympathie und uneingeschränkter Akzeptanz, eine gewisse Fürsorglichkeit vermitteln) anwenden. Außerdem arbeiten wir in diesem Kurs ausschließlich ressourcen-orientiert und bieten vielen Teilnehmern damit über einen relativ langen Zeitraum die Gelegenheit, sich selbst in einer lebendig-positiven, Zuversicht vermittelnden, kooperativen und ermutigenden Gruppenatmosphäre zu erleben. Im Teufelskreis ihrer destruktiven Denkmuster lassen sich die TN im familiären oder beruflichen Alltag schnell in den Strudel negativer Affekte mitreißen. Auch die Defizitorientierung vieler Psychotherapien bringt sie eher in Kontakt mit schlechten Stimmungen, Hoffnungslosigkeit und Ohnmachtsgefühlen. Genau dies wollen wir in unserem Kurs vermeiden und genau das Gegenteil – nämlich möglichst viele positive Emotionen erlebbar machen.

 

Durch die von uns eingesetzten Methoden und Techniken kann es den Teilnehmern gelingen, neue, befreiende Empfindungen zu erleben und andere, erweiterte sensorische Wahrnehmungen (z.b. sensorische Entspannung) zu machen. Aufgrund der engen Verbindung zwischen dem mentalen, dem emotionalen, dem physiologischen und dem sensorischen System führen veränderte sensorische Empfindungen zu physiologischen, emotionalen und zuletzt auch mentalen Veränderungen. Wenn es den TN gelingt, sich ganz dem Körpergefühl zu überlassen und dabei den Strom des Lebens zu spüren, der sich ihrer willentlichen Kontrolle entzieht, können diese Erfahrungen zu mehr Lebendigkeit führen.

 

Deshalb werden in den Sitzungen die Geschichte und das Leiden der einzelnen Teilnehmer wohl in Betracht genommen, aber nicht thematisiert. Der Kurs hat ausdrücklich eine positive Ausrichtung und soll Kompetenzen und Ressourcen vermitteln. « Aha-Erlebnisse », Verständnis, Erleben und Fühlen der individuellen Möglichkeiten sind das Ziel, und werden durch ein direkt ausgesprochenes Feed-back über die Dauer des Kurses weiter verstärkt. Wir unterstützen ausdrücklich Veränderungen welche dem Teilnehmer eine bessere Entfaltung seiner persönlichen Fähigkeiten und Einbettung in seiner Gemeinschaft ermöglichen.

 

Prozessorientierung

Der Kurs ist in Module unterteilt welche thematische Schwerpunkte haben. Außer dem Autogenen Training sind die Themen der Module auswechsel- und anpassbar. Die Moderatoren sind für die Bedürfnisse der Teilnehmer offen und passen den Verlauf des Kurses an diese an, so dass die bestmögliche Themenauswahl für die jeweilige Gruppe gewährleistet ist

 

Humor

Schon bei der Vorbereitung der Kurse gehört Humor an oberste Stelle. Die von dem Team empfundene Freude und die dazugehörige Portion Humor bei der Gestaltung der Kurse beeinflusst die positive und lockere Atmosphäre bei der Durchführung der Abende. Außerdem fördert ein humorvoll entspanntes Gruppenklima die Lernbereitschaft.

 

Humor hilft uns den Schwierigkeiten und Missgeschicken des Alltags mit größerer Gelassenheit zu begegnen, sie nicht so tragisch zu nehmen. Wir können über Situationen, bestenfalls über unsere eigene Person lachen.

 

Selbstironie als eine bestimmte Form von Humor macht, dass wir uns selbst nicht so wichtig nehmen, dass wir auf Distanz gehen zu den Dingen, die uns Probleme bereiten.

 

Lachen hat eine befreiende, entspannende Wirkung auf den Organismus und das Gemüt des Menschen. Aus all diesen Gründen (und noch 99 mehr) lassen wir Humor in die Gestaltung des Kurses mit einfließen. Es ist nicht die zwanghafte Suche nach dem einmaligen Lacher, die uns Moderatoren vorschwebt (kein Krampf!) sondern eine natürlich humorvolle sowie wertschätzende Einstellung gegenüber sich selbst, den Menschen und dem Leben im Allgemeinen. 

 

Freiwilligkeit

Zu Beginn der ersten Sitzung weisen wir darauf hin, dass jeder Kursteilnehmer für sich selbst entscheiden kann, ob er an Übungen, an Gesprächen in der Gruppe, an Spielen teilnimmt oder nicht. Freiwilligkeit und Eigenbestimmung sind wichtige Parameter, damit der Einzelne sich innerhalb der Gruppe wohl fühlen kann. Er soll dem Gruppendruck, sich äußern zu müssen, nicht hilflos ausgeliefert sein. Dadurch, dass wir im Laufe des Kurses immer wieder darauf hinweisen, versuchen wir eine Art Schutzraum zu schaffen, in den der einzelne Teilnehmer sich zurückziehen kann, wenn es ihm zuviel wird, wenn er sich nicht mehr wohl in seiner Haut fühlt. Gleichzeitig führen wir mit diesem Hinweis zu einem wichtigen individual-psychologischen Prinzip, nämlich dem der Selbstverantwortlichkeit.

 

Beim Blitzlicht reichen wir einen Ball herum – etwas woran man/frau(!) sich festhalten kann: wer diesen Ball in der Hand hat, hat das Wort. Wenn jemand sich nicht äußern will, kann er den Ball ohne Erklärung weiterreichen.

 

Zu Beginn jeder Entspannungsübung weisen wir explizit darauf hin, dass auch hier der Einzelne das Recht hat, sich zu jedem Zeitpunkt der Übung aus der Entspannung zurückzunehmen. Jeder Kursteilnehmer darf für sich sorgen.